Sie sprach's sehr ernsthaft, nur am Schluss spielte ihr ein leichtes, äusserst anmuthiges Lächeln um den Mund. Er war in eine verlegene Unschlüssigkeit gerathen und erwiderte ein wenig stotternd: »Nein, wirklich, glaub' ich, lebte ich wohl im Jahre 79 noch nicht – es war vielleicht – ja, es ist wohl der Seelenzustand, den man Traum nennt, gewesen, der mich in die Zeit vom Untergang Pompejis zurückbrachte – aber ich erkannte dich auf den ersten Blick wieder –«
In den Zügen der ihm nur auf ein paar Schritte Entfernung gegenüber Sitzenden kennzeichnete sich merklich eine Ueberraschung, und sie wiederholte mit einem Ton von Verwunderung: »Du erkanntest mich wieder? In dem Traum? Woran?«
»Gleich zuerst an deiner besonderen Gangart.«
»Auf die hattest du Acht gegeben? Und gehe ich denn besonders?«
Ihr Erstaunen hatte sich wahrnehmbar noch erhöht; er versetzte: »Ja – weisst du's selbst nicht? – anmuthreicher, als irgend eine sonst, wenigstens unter den jetzt Lebenden giebt es keine. Doch ich erkannte dich auch sofort an allem Uebrigen, der Gestalt und dem Antlitz, deiner Haltung und Gewandung, denn Alles stimmte aufs genaueste mit deinem Reliefbild in Rom überein.«
»Ach so –« wiederholte sie noch einmal in ähnlichem Ton, wie vorher – »mit meinem Reliefbild in Rom. Ja, daran hatte ich auch nicht gedacht und weiss sogar im Augenblick nicht genau – wie ist es doch – und dort hast du's also gesehen?«
Nun berichtete er, der Anblick desselben habe ihn so angezogen, dass er hocherfreut gewesen sei, in Deutschland einen Abguss davon zu bekommen, der schon seit Jahren in seinem Zimmer hänge. Den betrachte er täglich, ihm sei die Vermuthung aufgegangen, das Bild müsse eine junge Pompejanerin darstellen, die in ihrer Heimatstadt über die Trittsteine einer Strasse wegschreite, und das habe jener Traum ihm bestätigt. Jetzt wisse er auch, dass er dadurch getrieben worden, wieder hierher zu reisen, um nachzusuchen, ob er nicht irgendeine Spur von ihr auffinden könne. Und wie er gestern Mittags an der Ecke der Mercurstrasse gestanden, sei sie selbst plötzlich grade ebenso wie ihr Bildniss vor ihm über die Trittsteine weggeschritten, als ob sie sich drüben in das Haus des Apollo begeben wollte. Dann habe sie weiterhin die Strasse wieder zurück überkreuzt und sei vor dem Hause des Meleager verschwunden.
Dazu nickte sie mit dem Kopf und sagte: »Ja, ich hatte die Absicht, das Haus des Apollo aufzusuchen, ging dann jedoch hierher.«
Er fuhr fort: »Dadurch kam mir der griechische Dichter Meleager ins Gedächtniss, und ich glaubte, du seiest eine Nachkommin von ihm und kehrtest – in der Stunde, die es dir verstattet – in dein Vaterhaus zurück. Aber, als ich dich griechisch ansprach, verstandest du es nicht.«
»War das griechisch? Nein, das verstand ich nicht oder hab' es wohl vergessen. Doch wie du jetzt wiederkamst, hörte ich dich etwas sprechen, was mir verständlich wurde. Du drücktest den Wunsch aus, Jemand möchte doch noch da sein und leben. Nur begriff ich nicht, wen du damit meintest.«