»Ja, ich hatte sie schon gesehen. Es war die erste, die mir vortrefflich gefallen hat.«
»So? Wo hast du sie denn gesehen?«
»Heut' Vormittags im Haus des Faun. Da thaten die Beiden auch etwas ganz Sonderbares.«
»Was thaten sie denn?«
»Sie sahen mich nicht und küssten sich.«
»Das war ja eigentlich recht vernünftig. Wozu sind sie sonst in Pompeji auf der Hochzeitsreise?«
Mit einem Schlage veränderte sich bei dem letzten Wort vor den Augen Norbert's das bisherige Bild, denn der alte Mauerrest lag leer geworden da, weil die, welche sich ihn zum Sitz, Lehrkatheder und Kanzel auserwählt gehabt, von ihm heruntergekommen war. Oder eigentlich geflogen, und zwar ebenfalls mit der eigenartig wiegenden Behendigkeit einer sich durch die Luft davonschwingenden Bachstelze, so dass sie schon wieder auf den Gradivafüssen stand, ehe der Blick ihren Niederflug mit Bewusstsein aufgefasst hatte. Und wie unmittelbar im Sprechen fortfahrend, sagte sie: »Nun hat der Regen aufgehört, zu gestrenge Herren regieren nicht lange. Das ist ja auch vernünftig, und so ist Alles wieder zur Vernunft gekommen, ich nicht am wenigsten, und du kannst Gisa Hartleben, oder welchen neuen Namen sie trägt, wieder aufsuchen, um ihr bei dem Zweck ihres Aufenthalts in Pompeji wissenschaftlich behülflich zu sein. Ich muss jetzt in den Albergo del Sole, denn mein Vater wird schon zum Mittagessen auf mich warten. Vielleicht treffen wir uns in einer Gesellschaft in Deutschland oder auf dem Mond noch einmal wieder. Addio.«
Das sprach Zoë Bertgang in dem durchaus artigen, doch auch ebenso gleichmüthigen Ton einer jungen Dame von bester Erziehung und stellte, den linken Fuss vorsetzend, nach ihrem Brauch die Sohle des rechten beinah senkrecht zum Weitergange auf. Da sie ausserdem in Anbetracht des draussen stark durchnässten Bodens mit der linken Hand ihr Kleid ein wenig in die Höh raffte, war das Ebenbild der Gradiva vollendet, und der auf kaum mehr als doppelte Armlänge von ihr entfernt Stehende nahm nur zum erstenmal eine ganz geringfügige Abweichung der lebendigen von der steinernen gewahr. Dieser fehlte etwas, das jene besass, und das augenblicklich besonders deutlich an ihr zu Tage trat, ein kleines Grübchen auf der Wange, darin sich ein winziger, nicht bestimmbarer Vorgang zutrug. Es hielt sich ein bischen gekraust und gefältelt, konnte damit einen Verdruss oder auch einen verhaltenen inneren Lachreiz, möglicherweise beides zusammen zum äusseren Ausdruck bringen. Darauf sah Norbert Hanold hin, und obwohl er nach dem ihm eben ausgestellten Zeugniss wieder völlig zur Vernunft gelangt war, mussten seine Augen doch nochmals einer optischen Täuschung unterliegen. Denn er stiess mit einem eigenthümlich über seine Entdeckung triumphirenden Ton aus: »Da sitzt die Fliege wieder!«
So absonderlich klang's, dass der verständnisslosen Hörerin, die sich nicht selbst anzusehen vermochte, unwillkürlich die Frage entflog: »Die Fliege – wo?«
»Da auf deiner Wange!« Und zugleich schlang der Antwortende plötzlich einen Arm um ihren Nacken und haschte diesmal nach dem von ihm so tief verabscheuten Insekt, das die Vision seinem Blick in dem Grübchen vorgaukelte, mit den Lippen. Offenbar indess ohne Erfolg, denn gleich danach rief er nochmals: »Nein, nun sitzt sie dir auf der Lippe!«, und damit wendete er blitzgeschwind seinen Fangversuch dieser zu, jetzt aber so lang ausdauernd, dass kein Zweifel darüber bleiben konnte, er gelange zur vollkommensten Erreichung seines Zweckes. Und merkwürdigerweise behinderte die lebendige Gradiva ihn diesmal durch nichts dabei, und als ihr Mund nach Ablauf von ungefähr einer Minute sich einmal genöthigt sah, tief nach Athem zu ringen, sagte sie, zur Sprachfähigkeit zurückversetzt, nicht: »Du bist wirklich verrückt, Norbert Hanold,« vielmehr liess ein überaus reizvolles Lächeln um ihre erheblich stärker als zuvor gerötheten Lippen erkennen, sie sei eher noch mehr von der vollständigen Gesundung seiner Vernunft überzeugt worden.