Die Villa des Diomedes hatte vor zwei Jahrtausenden in einer bösen Stunde sehr Schauerliches gesehen und gehört, doch gegenwärtig vernahm und gewahrte sie ungefähr eine Stunde lang nur Dinge, die sich nicht im allergeringsten zur Einflössung eines Grausens eigneten. Dann jedoch machte sich einmal bei Fräulein Zoë Bertgang eine verständige Besinnung geltend, und in Folge davon gerieth ihr, eigentlich wider Wunsch und Willen, vom Mund: »Jetzt aber muss ich wirklich gehen, sonst verhungert mein armer Vater. Mich däucht, du kannst heute auf die Mittagsgesellschaft Gisa Hartleben's verzichten, da du nichts mehr von ihr zu lernen hast, und nimmst am besten mit in der Sonnenwirthschaft vorlieb.«

Daraus liess sich auf Einiges schliessen, das während der Stunde unter vielem Anderm mit zur Rede gekommen sein musste, denn es wies auf eine hülfreiche Lehrthätigkeit hin, die Norbert von der genannten jungen Dame zu Theil geworden. Doch fasste er aus den mahnenden Worten nicht dies auf, sondern etwas zum erstenmal ihm erschreckend ins Bewusstwerden Kommendes, das sich durch die Wiederholung kundgab: »Dein Vater – was wird der –?«

Fräulein Zoë fiel indess, ohne irgend ein Anzeichen in ihr dadurch erweckter Beunruhigung, ein: »Wahrscheinlich wird er nichts, ich bin kein unentbehrliches Stück in seiner zoologischen Sammlung; wär' ich das, hätte sich mein Herz vielleicht nicht so unklug an dich gehängt. Im Uebrigen bin ich mir schon von frühauf darüber klar gewesen, dass ein Frauenzimmer auf der Welt nur zu etwas nützt, wenn sie einem Mann die Mühe abnimmt, zu bestimmen, was im Hause geschehen soll; die erspare ich meinem Vater fast stets, und du kannst nach dieser Richtung also auch für deine Zukunft ziemlich beruhigt sein. Sollte er jedoch zufällig einmal und grade in diesem Fall eine andere Meinung haben als ich, da machen wir's so einfach wie möglich. Du fährst für ein paar Tage nach Capri hinüber, fängst dort mit einer Grasschlinge – wie man's macht, kannst du an meinem kleinen Finger einüben – eine Lacerta faraglionensis, lässt sie hier wieder laufen und fängst sie vor seinen Augen noch einmal. Dann stellst du ihm die Wahl frei zwischen ihr und mir, und du hast mich so sicher, dass es mir beinah' um dich leid thut. Gegen den Collegen Eimer aber, fühle ich heut', hab' ich mich bisher undankbar verhalten, denn ohne seine geniale Eidechsenfang-Erfindung wäre ich wahrscheinlich nicht in das Haus des Meleager gekommen, und das wäre doch schade gewesen, nicht nur für dich, sondern auch für mich.«

Dieser letzten Ansicht gab sie bereits ausserhalb der Villa des Diomedes Ausdruck, und leider war kein Mensch mehr auf Erden vorhanden, der über die Stimme und Sprechweise der Gradiva irgend welche Angaben machen konnte. Doch wenn auch sie denen des Fräuleins Zoë Bertgang ebenso wie alles Sonstige geglichen hatten, mussten sie einen ganz ungewöhnlich schönen und schalkhaften Reiz besessen haben.

Von dem ward wenigstens Norbert Hanold so stark überkommen, dass er, ein wenig zu poetischem Aufschwung emporgetragen, ausrief: »Zoë, du liebes Leben und liebliche Gegenwart – unsere Hochzeitsreise machen wir nach Italien und Pompeji!«

Das bildete einen entschiedenen Beleg für die Erfahrung, wie sehr veränderte Umstände auch eine Umwandlung im Menschengemüth herbeiführen und zugleich eine Gedächtnissschwächung damit verbinden können. Denn es kam ihm gar nicht in den Sinn, dass er sich und seine Begleiterin auf jener Reise dadurch der Gefahr aussetzen werde, von misanthropisch-missmuthigen Eisenbahngenossen die Namen August und Grete zu empfangen; aber er dachte daran augenblicklich so wenig, wie dass sie Hand in Hand mit einander durch die alte Gräberstrasse von Pompeji dahingingen. Freilich drängte diese sich auch gegenwärtig der Empfindung nicht mehr als solche auf; wolkenloser Himmel leuchtete und lachte wieder über ihr, die Sonne deckte ein goldenes Teppichgewirk auf die alten Lavaplatten, der Vesuv breitete seine duftige Pinienkrone aus, und die ganze ausgegrabene Stadt erschien, statt mit Bimssteinen und Asche, von dem wohlthätigen Regensturz mit Perlen und Diamanten überschüttet. Mit den letzteren wetteiferte auch ein Glanz in den Augen der jungen Zoologentochter, doch ihre klugen Lippen entgegneten auf den kundgegebenen Reisezielwunsch ihres gewissermassen gleichfalls aus der Verschüttung wieder ausgegrabenen Kindheitsfreundes: »Darüber, denke ich, wollen wir uns heute nicht den Kopf zerbrechen; das ist eine Sache, die wohl besser von uns Beiden erst noch öfter in reiflichere Erwägung gezogen und künftigen Eingebungen überlassen wird. Ich fühle mich wenigstens zu solcher geographischen Entscheidung jetzt doch noch nicht völlig lebendig genug.«

Das zeugte auch von einer der Sprecherin innewohnenden grossen Bescheidenheit hinsichtlich der Beurtheilung ihres Einsichtsvermögens in Dinge, über die sie bis heute noch nie nachgedacht hatte. Sie waren an das Herculesthor zurückgelangt, wo am Anfang der Strada Consolare alte Trittsteine die Strasse überkreuzten. Norbert Hanold hielt vor ihnen an und sagte mit einem eigenthümlichen Klang der Stimme: »Bitte, geh' hier vorauf!« Ein heiter verständnissvoll lachender Zug umhuschte den Mund seiner Begleiterin, und mit der Linken das Kleid ein wenig raffend, schritt die Gradiva rediviva Zoë Bertgang, von ihm mit traumhaft dreinblickenden Augen umfasst, in ihrer ruhig-behenden Gangart durch den Sonnenglanz über die Trittsteine zur anderen Strassenseite hinüber.