Der Wagen hielt, und er stieg langsam, ohne Hast aus. Er sah nicht die Lakaien zu beiden Seiten der Treppe, er ging geradeaus, ohne sich nach Hofmarschall und Adjutanten umzuschauen, die zwei und drei Stufen hinter ihm die breite Marmortreppe hinaufstiegen.

Er war wieder in Karlburg, er war wieder der Prinz.

*

Die Tage vergingen, Wochen wurden daraus und aus den Wochen Monate.

Herren im Schlosse zu Karlburg waren die Aerzte, denen man Zimmer einräumte, und die schließlich kaum noch die Gemächer des Fürsten verließen.

Die Lakaien gingen noch leiser als sonst, jeder helle Ton war aus dem Schlosse und seinem Umkreis verbannt, über Haus und Gärten breitete sich Kirchhofsruhe.

Aber Angst und Sorge, die in den ersten Wochen auf allen Gesichtern lagen, aufrichtig empfunden oder doch gut zur Schau getragen, wichen langsam und machten einer müden Abspannung Platz. Die Diener gähnten hinter den Thüren, und die erschlaffende Langeweile breitete sich aus den Krankenzimmern durch das Schloß und weiter über die ganze Stadt Karlburg. Nirgends Festlichkeiten, keine Lustbarkeit, am Sonntag in den Kirchen das ewig gleiche Gebet für den kranken Fürsten – eine Monotonie.

An eine Abreise des Erbprinzen war nicht zu denken. In den ersten Wochen war er unruhig, nervös und verlangte von den Aerzten bestimmte Aussagen. Aber er gewöhnte sich an ihr Achselzucken und dachte schließlich selbst nicht mehr an die Möglichkeit, vorerst nach Heidelberg zurückzukehren.

Die Last der Regierungsgeschäfte, die er vielleicht ernster auffaßte, als notwendig war, und die zu übersehen ihm noch schwer fiel, nahm seine Zeit in Beschlag, während der sterbende Fürst es als selbstverständlich forderte, daß sein Neffe und Erbe endlose Stunden bei ihm weilte. Mit seiner matten, heiseren Stimme, oft nur flüsternd, sprach er von Vergangenheit und Zukunft, und in diesen düsteren Stunden spann sich zwischen Oheim und Neffe, die zwanzig Jahre lang fast wie Fremde nebeneinander gelebt hatten, das erste Band. Sie gehörten zusammen, der sterbende Fürst und der künftige Fürst; aus der fieberheißen Hand, die zitternd die junge Hand umspannt hielt, ging ein Strom hinüber, der langsam Denken und Empfinden des Jüngeren wandelte. »Die Fürsten der Erde wohnen einsam auf ihren Thronen, eine nie zu überbrückende Kluft trennt sie von allen andern, selbst von denen, die nach Geburt und Rang als Diener dem Throne am nächsten stehen. Und sie sollen einsam bleiben, sie müssen einsam bleiben, – darin liegt ihre schwerste Aufgabe, darin aber auch ihre Kraft. In einsamer Höhe stehen, das ist das große Geheimnis der Gewalt!« – Vielleicht suchte Karl Heinrich in der ersten Zeit, halb unbewußt, sich diesen Worten zu entziehen, zu verschließen, aber in dem dumpfen, heißen Krankenzimmer wiegten sie ihn in täglicher Wiederholung wie in einen Traum. Sie ergriffen Besitz von ihm und lähmten seine matten Versuche, sich kritisch mit ihnen in Widerspruch zu setzen. Er rang dagegen, aber er war zu schwach, zu schwach, wie in allem.

Und jeder neigte sich vor ihm. Nicht der Sterbende war mehr der Herr im Schlosse, er, Karl Heinrich, war es, dem man huldigte. Früher, als er noch junger Prinz war, bei Seiner Durchlaucht in geringer Gunst stehend, einzig von dem vagen Glanz einer in ferner Zukunft liegenden Thronfolge umgeben, waren die Huldigungen der Hofleute kühl und gemessen gewesen. Jetzt war er nicht Kind mehr, sondern Mann, nicht mehr der Anwärter auf die Ehren einer ungewissen Zukunft, sondern der neue Herr, der über Nacht in die Fürstenrechte einziehen würde. Es war ein Zauberkreis, der sich um ihn schloß; demütige Huldigungen von Tausenden, die keinen Widerspruch duldeten, und das alles in dieser dumpfen Treibhausluft, die das Denken tötete.