So vergingen Monate. Es wurde Herbst, Winter, Frühling – ein Jahr ging vorbei. Aber es war, als ob es nicht ein Jahr gewesen sei, sondern viele. Es gab Zeiten, wo eine wilde Ungeduld ihn überwältigen wollte: sollte denn das nie enden?! dieses grauenhafte, mordende Warten?! – Aber auch diese Ungeduld wurde schwächlich, kraftlos, schlief ein.
Er begann zu kränkeln, die blühende Gesichtsfarbe nahm einen grauen Ton an, aber wenn der alte Hofrat und die fremden Aerzte ihm Bewegung anrieten, zuckte er gleichgültig die Achseln: ›Mir fehlt nichts, ich bin nicht krank.‹
In seinem Schreibtisch lagen die blaue Mütze und das dreifarbige Seidenband von Heidelberg, daneben drei vertrocknete Rosen – das waren die einzigen Erinnerungen an damals.
Heidelberg! Wenn er daran dachte, legte es sich um seine Brust wie eherne Klammern, die ihn zu ersticken drohten.
Vorbei! Verloren! Für immer!
Bisweilen versuchte er, mit Lutz über Heidelberg zu sprechen. Der Mensch war ihm unsympathisch, aber er hatte ihn als seinen Kammerdiener beibehalten. Vielleicht nur deshalb, weil dieser Lutz die einzige lebende Erinnerung an jene Zeit war. Und Herr Lutz gab sich Mühe, seinem Herrn entgegenzukommen, die jämmerlichen Tage in Heidelberg in ein rosiges Licht zu kleiden und kleine Scherze jener Zeit aufzuwärmen. Aber keine Saite tönte in seinen Reden echt und warm, das weiche Bild der drei Monate verzerrte sich in seinen erzwungenen Späßen zur Grimasse.
Im übrigen war Herr Lutz jetzt der glücklichste Mensch am Hofe. Sein geduldiges Ertragen jener Schreckenszeit hatte goldene Früchte getragen, er war der kommende Mann, vor dem schon jetzt die Lakaien in Ehrfurcht erstarben. Noch schritt der Kammerdiener Seiner Durchlaucht des Fürsten mit unnahbarem Gesicht durch das Haus, aber die Tage seiner Herrschaft waren gezählt, der neue Stern hieß Lutz. Und während in Karl Heinrichs Erinnerung die Heidelberger Zeit langsam verblaßte, wie ein Kindermärchen, das man nicht mehr versteht, verschönte sich bei Herrn Lutz das Bild der Studentenstadt immer mehr. Man hatte da einmal über die Stränge geschlagen, miserabel gewohnt und viel Aergerliches durchgemacht, aber es war doch auch schön gewesen. Er wußte dem Küchenchef wundersame Geschichten zu erzählen von lustigen Liebesabenteuern, durchzechten Nächten und allerhand Affairen, »über die man als Kavalier schweigt«. Dieses Heidelberg hatte Herrn Lutz’ Glück gemacht, und er war nicht undankbar. – –
Er wußte dem Küchenchef wundersame Dinge zu erzählen.
Nun schlief der Doktor schon seit Wintersende in Heidelberg seinen letzten Schlaf. Die Todesnachricht, die der Direktor des Krankenhauses in ehrerbietig gemessener Form Seiner Durchlaucht mitteilte, kam Karl Heinrich nicht unerwartet, und doch traf sie ihn wie etwas Unfaßliches.