»Natürlich.«

Karl Heinrich trat in die Mauernische des gewölbten Fensters und starrte hinaus. Durch die breite Lindenallee des Schloßparkes sah er Felder, die sich endlos in die blaue Ferne dehnten. Tief unten an der Schloßmauer vor dem breiten Graben blühte der Flieder, und über dem Wasser schossen pfeilschnell die Schwalben, oft dicht an dem Fenster vorbeistreifend.

Zwei lange, einsame Jahre hatte er hier gehaust, fern der fröhlichen Welt, am Lager eines vergrämten Kranken, der nicht sterben wollte und mit den langsam erstarrenden Händen ihn fest umklammerte. Während er selbst zu schwach und zu feige gewesen war, sich gewaltsam loszureißen.

Zwei beste Jahre! Zwei Jahre, in denen er hätte glücklich sein können. Sie erschienen ihm wie Jahrzehnte. Jenseits dieser Jahrzehnte lag seine kurze Jugend, an die er kaum noch gedacht, die er fast vergessen hatte. Vergessen! Wie nur schwächliche Seelen vergessen!

Heidelberg, das Corps, Käthie – das waren ferne, traumhafte Begriffe geworden, und jetzt kam dieser Mensch da und erzählte! Und erzählte, daß das alles noch war, jetzt noch war; daß drüben in Heidelberg, hundert Meilen entfernt, eine Tagereise entfernt, diese Menschen noch lebten! Spazieren gingen, sich ihres Lebens freuten, tranken, lachten, liebten – und das alles ohne ihn, als ob ein Prinz Karl Heinrich nie existiert hätte oder zum wenigsten nie für sie notwendig gewesen sei.

Da kam aus dem Hintergrunde des Zimmers Herrn Kellermanns Stimme, die zum erstenmal ungefragt redete. Schwer und langsam, als ob er eine tiefe Weisheit verkünde und während der letzten stummen Minuten darüber nachgesonnen habe, sagte er:

»So ist Heidelberg nicht mehr wie früher. Das sagen alle, das sagt auch Herr Bilz.«

»Wie nicht mehr?«

»Als wie damals. Als wie Sie da waren.«

Karl Heinrichs Augen leuchteten.