Verstohlen, schüchtern musterte Karl Heinrich seinen Begleiter von der Seite. Wie dieser Doktor sich in dem Wirrwarr zurechtfand! Ueberhaupt, der war gar nicht wiederzuerkennen! Als ob der Doktor in Karlburg ewig gefroren gewesen sei und jetzt auftaue. Bier war ihm nach der medizinischen Broschüre streng verboten, und nun trank er es doch, gleich zwei, drei Glas in zehn Minuten.
Der Doktor stand auf:
»’s wird Zeit. Dies Frankfurt ist eine liebe Stadt. Nächste Woche fahren wir beide mal wieder her und machen uns einen lustigen Tag. Das ist von Heidelberg ein Katzensprung.«
Als sie schon im Coupé saßen, kam das Pensionat und promenierte auf dem Bahnsteig hin und her. Und als der Zug sich in Bewegung setzte, blickten alle zwölf ihm nach, und eines der Fräulein nahm sogar sein Taschentuch und winkte – im Gefühl der sicheren Trennung – Karl Heinrich zu: »Adieu!«
»Das sind Frauenzimmer, diese rheinisch-mainischen Mädels!« lachte der Doktor. »Andre Rasse als bei uns.«
Frankfurt verschwand, der Doktor kramte in der Ledertasche, und Karl Heinrich stand wieder am Fenster, die heiße Stirn gegen die kalte Scheibe gedrückt.
Eines der Fräulein nahm sogar sein Taschentuch und winkte.
Mädchen – Frauen – auch das war ein neuer Begriff in seinem Leben. Wie man ihn in allem klösterlich erzogen hatte, fern von seinen Altersgenossen und fern von jedem, was nicht mit dem Hofleben im engsten Zusammenhang stand, so auch selbstverständlich fern von allem, was Weib hieß. Der Fürst war Witwer, kinderlos, die Hoffestlichkeiten beschränkten sich seit Jahren auf ein bescheidenes Maß, der Hof zu Karlburg war seit einem Dezennium nicht viel mehr als ein Junggesellenhaushalt großen Stils.
Die Dämmerung zog über die weite Rheinebene, und als der Zug Darmstadt passiert hatte, lagen die Dörfer der Bergstraße im Dunkel der Nacht.