Ein merkwürdiges Zimmer, lauter Möbel aus längst vergangener Zeit, Stühle mit steifen Lehnen und dünnen Beinen, ein ebensolches Sofa und darüber auf einer Marmorkonsole eine goldene Uhr, die unter einer Glaskuppel ihr leises Ticktack hören ließ. Auf den Fenstersimsen lagen lange rote Polster mit gehäkelten Ueberzügen, und die Fenster selbst waren holländische Schiebefenster, die aus vielen kleinen Scheiben zusammengesetzt waren und deren Mechanismus der Prinz erst nach langem Probieren entdeckte.
Mit dem Licht in der Hand betrachtete er die Bilder.
Ueber dem Zimmer lag ein eigentümlicher, aber nicht unangenehmer Geruch, halb nach frischer Wäsche halb nach Aepfeln. Mit dem Licht in der Hand betrachtete er die Bilder: Paul und Virginie, die gestörte Hochzeitsfeier, Bismarck, die spanische Tänzerin Lola Montez, – Lola im Reitkostüm, lebensgroß, schön, strahlend, – dann nochmals Paul und Virginie, ein Mensurbild und endlich, über das ganze Zimmer, an alle Wände und in alle Ecken verteilt, eine Unzahl Studentenphotographien in immer demselben Fünfgroschenrahmen. Die meisten trugen eine Aufschrift mit einer Dedikation »An Madame Dörffel«, es waren offenbar lauter Studenten, die einmal hier gewohnt hatten.
Manche dieser Bilder waren nur Silhouetten, aber nie hatte der Künstler es unterlassen, die Farben der Mütze und des Bandes getreu darauf zu malen. Und viele der Bilder waren alt: 1848/49 – 1853 – 1854/55 – seltsam. Vergessene Menschen, vielleicht längst gestorben. Die hatten alle hier in dem alten Eichenbett geschlafen, bei dem Ticktack der goldenen Uhr, da aus dem Fenster geschaut. Ein ewiges Kommen und Gehen, immer neue Gesichter, immer nur Jugend, immer nur Jugend – immer neue Jugend.
Und jetzt war er der Junge! Karl Heinrich. Der Erbe dieser andern. Bild für Bild sah er aufmerksam an, manche der Namen waren ihm bekannt: Karl Hohenlohe – Fürstenberg – Prinz Weimar – Bredow …
Dann öffnete er das Fenster und sah auf den Marktplatz, an dem hie und da eine Laterne brannte. Die Nacht war immer noch warm wie im Hochsommer, er atmete die weiche Luft in tiefen Zügen.
Im Hotel zum »Prinzen Karl«, wo der große Kommers stattfand, setzte von Zeit zu Zeit die Musik ein; und so deutlich, daß man fast jedes Wort verstehen konnte, klangen durch die todstille Nacht die hellen Stimmen der Studenten:
»O alte Burschenherrlichkeit …«
Ueber der Kirche und den Häusern schimmerten die Sterne, nur selten hallten die Schritte eines verspäteten Nachtschwärmers auf dem einsamen Platz.