Am 30. April, einen Tag vor der Abreise, wurde der neue Regierungsrat von Seiner Durchlaucht dem Fürsten zur Audienz befohlen. Mit seinem grämlichen, vorzeitig gealterten Gesicht saß der Fürst schlaff vor dem großen Schreibtisch, in einem kleinen Sessel ihm gegenüber der Erbprinz.
»Sie kennen meine Anschauungen, Herr Regierungsrat: ich wünsche die wissenschaftliche Ausbildung meines Neffen in derselben ernsten Weise fortgeführt wie bisher. Der Prinz wird nach Ablauf des Studienjahrs als Offizier bei den Gardehusaren in Potsdam eintreten; bis dahin will ich, daß der Erbprinz in strenger, gemessener Arbeit seine Studien fortsetzt. Das Universitätsjahr soll für Seine Durchlaucht so aufgefaßt werden, daß dasselbe nicht dem Vergnügen, sondern der wissenschaftlichen Ausbildung gehört. Unter seinen militärischen Kameraden und Standesgenossen zu Potsdam wird der Prinz Gelegenheit finden, in angemessener Form die Freiheiten des Lebens kennen zu lernen; bis dahin wünsche ich, daß Studium und Lebensweise denselben geregelten Gang nehmen wie bisher. Haben Sie mich verstanden?«
Der Fürst saß vor dem großen Schreibtisch.
Der kleine Doktor verneigte sich so tief, daß sein Orden, das Kreuz von Sachsen, in rechtem Winkel von seiner Brust niederhing.
Dann neigte er sich noch ein zweites Mal – er war entlassen.
Er ging durch die langen, dunkeln Gänge nach dem rechten Flügel des Schlosses, wo seine zwei Zimmer neben denen des Prinzen lagen. Ein Moderduft, wie er alten Schlössern eigen ist, lagerte dumpf in diesen düsteren Gängen, und die Aprilsonne, die durch die fliegenden Regenwolken bisweilen leuchtete, brach durch die niedrigen Bogenfenster nur in schwachen, dünnen Streifen. Wie lautlose Schatten glitten die Lakaien auf den verwitterten Teppichen durch die Korridore; nur wenn sie an den Fenstern vorbeihuschten, schimmerten ihre dunkeln Gestalten eine Sekunde lang in Not und Gold.
An der Turmseite wurden die Gänge noch düsterer, die Quaderwände noch dicker, die Fenster klein wie Schießscharten und die Luft so schwer, daß der Regierungsrat kaum atmen konnte. Er war ein Freund von echten Bieren, aber diese Biere hatten die Freundschaft schlecht belohnt und ihn – namentlich seit einigen Monaten – so korpulent werden lassen, daß er an Asthma litt.
»Heidelberg wird dir gut thun,« sagte sein Freund, der Dr. med. Schneider; »da wirst du endlich wieder spazieren laufen und Berge steigen.«
»Ja, Heidelberg wird mir gut thun!« seufzte der Herr Regierungsrat seit vielen Wochen.