Keine Diners mehr mit der grauen Langweile, keine Kammerherren und Staatsminister, vor denen man stets etwas erschrickt, keine Lakaiengesichter, Kutschergesichter, nichts mehr von diesem großen, schauderhaften Schlosse, in dem der Mensch das Atmen verlernt.
Nur noch Karl Heinrich, der mit hinauszog.
Karl Heinrich, der Erbprinz.
»Wenn dieser Junge nicht gewesen wäre, ich hätte es nicht ausgehalten.«
Vor ihm auf dem Arbeitstisch standen fünf oder sechs Photographien in vergoldeten Rahmen, die alle in raschen, langen Schriftzügen eine Widmung trugen: »Seinem verehrten Lehrer – Karl Heinrich« – »Seinem guten Freunde Dr. phil. C. Jüttner – Karl Heinrich« – »Seinem treuen Mentor – Karl Heinrich.«
Das erste Bild zeigte einen pausbäckigen Jungen in Reitanzug, etwa zwölf Jahre alt, ein hübsches, frisches Gesicht mit zwei großen Augen wie die eines Mädchens; die andern waren aus späteren Jahren. Das Gesicht schien da schmaler geworden, unfroher, die Haare lockten sich nicht mehr, sondern waren militärisch kurz geschnitten.
Er nahm ein Bild nach dem andern in die Hand, und mit diesen Bildern zogen noch einmal die acht Jahre an ihm vorbei, ihr ganzer langweiliger Inhalt: Dinieren, Bücklinge machen, wenig Arbeit und verteufelt wenig Freuden, Neid der Kollegen, viele neue Fräcke, viele neue weiße Westen, ein Orden, ein vornehmer Titel, Spazierenfahren, Gähnen und als Resultat eine Herzverfettung. Dieselbe Krankheit, an der die unglücklichen Straßburger Gänse leiden.
»Geh nach Tisch zwei Stunden spazieren,« das predigte sein Freund ihm jeden Tag, und jetzt – er sah nach der Uhr, die in der prallen Weste wie eingekeilt ruhte – war es Zeit, diese langweilige Wanderung anzutreten.
Aber der arme Regierungsrat fand nicht die Kraft zu dieser Selbstüberwindung.
›Erstens kann es jeden Augenblick regnen,‹ dachte er, ›und zweitens hat es wirklich keinen Zweck, an diesem letzten Tage sich noch abzuquälen. In Heidelberg wird das alles anders, da läuft man den ganzen Tag. Wenn ich mich in Heidelberg in acht nehme, nicht viel esse, nicht viel trinke und mit Karl Heinz durch die Berge steige, werde ich vielleicht noch einmal gesund.‹