»Wär’ man nie hierher gekommen! Wo ein Mensch wie ich, von fünfunddreißig Jahren, ein gesetzter Mann, alle Pflicht und Ordnung vergißt! Man ist hergekommen, um sich zu erholen und mäßig zu leben, und statt dessen lumpt man herum und richtet sich zu Grunde. Wie seh’ ich aus! Verfallen! Vollständig verfallen!«

Er sah wirklich nicht gut aus, und Karl Heinrich fühlte ein aufrichtiges Mitleid.

»Lieber Doktor, das geht auch nicht länger. Sie müssen sich schonen, fleißig spazieren gehen und weniger schlafen. Sie müssen nach der Uhr leben, Doktor.«

Aber nichts konnte der Doktor so schlecht vertragen, als wenn jemand seinen Selbstanklagen beipflichtete.

»Ich spreche nicht von mir, Durchlaucht, ich spreche von Ihnen. Daß Ihr Leben nicht so weiter geht! Ich lege meine Stellung nieder, es ist abgemacht. Ein kranker Mensch wie ich, der keine fünf Jahre mehr zu leben hat, keine drei, keine zwei, nicht eins, der kann nicht Erzieher spielen, am wenigsten hier in Heidelberg.« Dann plötzlich schlug seine heftige Erregung in das Gegenteil um: »Ach, Karl Heinz, ich wollte, wir wären nie hierher gekommen.«

Den Nachmittag und die darauffolgende Nacht spielte er Krankenwärter, und als er einige Flaschen Wein getrunken hatte, war er wieder in bester Stimmung.

»Das ist das Niederträchtige,« sagte er, »daß man nur noch durch Alkohol in Laune gehalten wird,« aber er sagte das ganz heiter und fröhlich.

Noch zu verschiedenen Malen machte er den Versuch, Karl Heinrich ins Gewissen zu reden, aber es ging ihm wie dem Zauberlehrling, der die schlimmen Geister heraufbeschworen hat und sie nicht mehr zurückbannen kann.

Merkwürdig, wie der Prinz sich in den wenigen Monaten verändert hatte. Auch im Aeußern. Sein ganzes Auftreten war fest und bestimmt geworden, das Gesicht hatte etwas Energisches angenommen, und die Hiebnarben gaben ihm einen martialischen Zug. Es gab keinen tolleren Studenten in Heidelberg – vielleicht den langen Wedell von den Sachsen-Preußen ausgenommen –, aber in Karl Heinrichs großen und kleinen Narrheiten, seinen Kneipfahrten, Mensuren, Streifereien lag stets etwas vom Grandseigneur. Es war immer – auch in der trunkensten Stimmung –, als ob er um einen Kopf über die andern hinausrage und sich den tollen Ulk aus der Vogelschau ansehe.

So kam der Doktor mit seiner Erzieherrolle in eine immer schiefere Lage. Er war nicht mehr der Vormund, sondern Karl Heinrich fing an, gleichsam ihn zu bemuttern.