Punkt neun Uhr mußte der Doktor aufstehen, Punkt zwölf ins Bett, zwei Stunden zwang man ihn, spazieren zu gehen, – aber diese energische Kur hätte für den Regierungsrat viele Monate, vielleicht viele Jahre eher verordnet werden müssen.

»Ja, Karl Heinrich, zwing mich,« sagte er häufig, »zwing mich!« – aber viel öfter war er über diesen Zwang außer sich: »Zum Kuckuck, laßt mir diese paar letzten Jahre! Nein, ich gehe nicht spazieren, ich bin müde, ich habe keine Lust; Käthie, einen Schoppen Roten!«

Aber der Prinz war zäh: »Keine Sperenzien, Doktor, vorwärts! Wir gehen zusammen auf den Königsstuhl, allons

Eher, als man gedacht hatte, wurde der arme Doktor von diesen und andern Spazierstrapazen erlöst. Denn eines Tages wurde auf Karl Heinrichs dringende Ordre Herr Geheimrat Professor Doktor von Michaelis konsultiert, der kurzen Prozeß machte und den Regierungsrat in die Klinik schickte.

Er bekam da ein sehr hübsches Krankenzimmer mit einem famosen Balkon, der einen netten kleinen Rauchtisch enthielt, ein außerordentlich bequemes Kanapee und all die Ausstattung, die der Doktor für seines Lebens Wohlfahrt beanspruchte. Da lag er nun tagein tagaus, blinzelte in die Sonne, erhielt viele Besuche von Karl Heinz und dessen Corpsbrüdern, trank, rauchte, spielte Skat und fand sein Dasein so angenehm wie seit langer Zeit nicht.

Da lag er nun tagein tagaus.

»Hier werde ich wieder gesund,« sagte er, »das fühle ich.« Der Geheimrat mit seinem überlegenen, feinen Lächeln hatte ihm einige kleine Verhaltungsmaßregeln gegeben: »Kein Bier, keine Kartoffeln«, und da der Doktor beides nicht übermäßig liebte, sondern einen guten Tropfen Wein jedem Bier vorzog, so achtete er peinlich auf die Durchführung dieser Vorschriften.

Er hätte ruhig Bier trinken und ruhig Kartoffeln essen können, aber Kranke, denen man nichts mehr verbietet, verlieren die Hoffnung.

Karl Heinrich war wochenlang tief verstimmt. Der erste graue Schatten war in die sonnige Fröhlichkeit von Heidelberg gefallen. Er wußte nicht, daß seine Tage in der heiteren Stadt ebenso gezählt waren wie die des Doktors, freilich in anderm Sinne. Und während der Doktor die karg gemessene Zeit mit einer Gemütsruhe und guten Laune durchlebte, die selbst den Geheimrat in Staunen versetzten, war der Prinz trübe und in sich gekehrt.