Er saß ganze Tage auf dem engen Balkon neben dem Doktor, als ob es seine heilige Pflicht sei, ihm beständig Gesellschaft zu leisten; bis eines Tages diesem selbst die Geduld riß.
»Du hast eine Art, Karl Heinrich,« sagte er – in sehr guter oder sehr schlechter Laune duzte er den Prinzen wie einst –, »hier zu sitzen und zu thun, als ob ich todkrank wäre! Zum Donnerwetter, so weit ist es denn doch noch nicht. Lauf herum, amüsiere dich, aber schneid hier keine Gesichter, als ob ich im Sterben läge.«
Der Prinz war so verdutzt, daß er keine Antwort fand, aber der Doktor ließ ihm dazu auch wenig Ueberlegung:
»Mein lieber Karl Heinz, du verschwendest, und zwar das Beste, was der Mensch hat: die Zeit, die Jugend! Du denkst auch, du sitzest hier ewig in Heidelberg, bei deinen Freunden, bei dieser niedlichen kleinen Käthie et caetera. Das ist ein Handumdrehen, dann ist das Jahr vorbei. Jede Stunde, die man verpaßt, ist verloren, kommt nicht wieder, ist ›temps perdu‹. Ob jemand Prinz ist oder ein andrer Sterblicher, das ist dabei ganz einerlei. Schenk mir, bitte, mal ein, die Flasche steht da in der Ecke. – Ich war auch mal jung, habe auch immer gedacht: es ist noch Zeit, es ist noch Zeit, bis es glücklich zu spät geworden ist. Also los, amüsiere dich. Komm morgen mal gar nicht. Komm übermorgen, und dann höchstens ’ne Stunde. Gieb mir, bitte, die Kiste herüber, da rechts, die Zigarren. Merci! Wie man hier liegt, ausgezeichnet! Sieh mal die nette Kleine da drüben, auf dem Balkon, ein lieber kleiner Kerl. Wie sie herschaut! Zum Donnerwetter, wer noch mal jung wäre!« …
In der nächstfolgenden Woche machte »Saxonia« eine Spritzfahrt durch den Schwarzwald. Alle Tage erhielt der Doktor engbekritzelte Postkarten, auf denen ihm mitgeteilt wurde, wieviel Ganze man in Gernsbach, Baden, Freiburg, auf dem Feldberg und in jedem Bierdorf auf sein Spezielles getrunken habe. Wenn die Gesundheit in der That durch derartige Trankopfer würde gekräftigt werden können, so hätte der arme Doktor in dieser kurzen Frist vollständig gesunden müssen.
Karl Heinrich kam mit verbranntem Gesicht und glänzender Laune wieder. Sein erster Gang war zu Käthie, die ihn mit ihrer stürmischen Leidenschaftlichkeit empfing, der zweite in das Krankenhaus. Vielleicht rötete die Freude des Wiedersehens des Doktors etwas eingefallene Backen, jedenfalls bewillkommnete er ihn mit strahlendem Gesicht:
»So ist es recht, Karl Heinz! In der Welt herum mit den andern! Nur nicht hinter dem Ofen sitzen und langweilige Gesichter ziehen. Klingle mal, wir wollen eine Flasche Steinwein trinken. Was macht die Käthie? Die ist wohl heute außer sich? War sie am Bahnhof? Nein? Weshalb nicht? Ein liebes Mädel! Nun erzähl mal. Wart ihr in Straßburg? Junge, siehst du brillant aus! Verbrannt wie ein Neger. Wie’s mir geht? Gut. Diese Ruhe hier, die thut dem Menschen wohl. Wart ihr in Wildbad? Reizend, was? Ach, der ganze famose Schwarzwald! Schenk ein, Karl Heinz, dein Wohl!«
Vielleicht ging es dem Doktor wirklich besser, und der Geheimrat und seine Assistenzärzte hatten wieder einmal zu schwarz gesehen. Jedenfalls war der Doktor nie besserer Laune als in diesen bequemen Ruhetagen seiner Krankenzeit, und auch Karl Heinrich fand damit seine lustige Stimmung wieder.
An einem der letzten Tage des Juli gab er dem Corps ein Fest bei Rüders. Es ging hoch her, das gegenüberliegende Schloß wurde spät abends bengalisch beleuchtet, und ganz Heidelberg samt allen Fremden versammelte sich am Neckar, um das feenhafte Schauspiel zu betrachten. Der Doktor konnte das wundervolle Bild nur von seinem einsamen Balkon aus bewundern, während Karl Heinrich, der Held des Tages, gleichfalls von der großen Menge sich getrennt hatte. Er saß neben Käthie in Rüders etwas gebrechlichem Kahne, den Herr Kellermann stromaufwärts rudern mußte. Denn kein Mensch in Heidelberg war besser geeignet, ein Liebespaar bei solcher Nachtfahrt zu begleiten, als eben Herr Kellermann. Er sah nichts und hörte nichts, er hatte beständig mit den widerspenstigen Ruderriemen zu thun, die ihn ärgerten und alle seine Aufmerksamkeit absorbierten. Er hatte die Gewohnheit, leise vor sich hin zu reden, ein beständiges Gemurmel, das aus Behagen, Mißbehagen, Reminiscenzen und augenblicklichen Einfällen, Unsinn und Sinn sich wunderlich zusammensetzte:
»Dummes Zeug – Ruder – jawohl – Wasser – spät – gut – morgen früh – mal hinschicken – holen – verflucht – alle Stiefel –« und so weiter.