Dann glitt der Kahn wieder in tiefem Schweigen.
Herrn Kellermanns Zigarre leuchtete wie ein roter Punkt, und Karl Heinz und Käthie saßen stumm nebeneinander, andächtig, bewegt, glücklicher als je. Sie küßten sich auch nicht mehr, sie hielten sich nur fest umarmt, und Käthie summte traumverloren ein altes böhmisches Volkslied, das sie drunten an der Donau als Kind gelernt hatte. – –
Drei Depeschen waren im Lauf des Abends in kurzen Intervallen für Seine Durchlaucht in Heidelberg eingetroffen, die – da sie sämtlich aus Karlburg kamen – Herrn Lutz nachdenklich stimmten und ihn schließlich veranlaßten, in eigner Person Rüders Gasthaus aufzusuchen. Er kannte dieses Lokal ebensowenig wie alle die übrigen Kneipen, die Seine Durchlaucht zu frequentieren beliebte, und er war auch keineswegs verwundert, als der Gastwirt Rüder ihm mitteilte, daß Seine Durchlaucht momentan nicht anwesend sei, jedenfalls aber bald wiederkommen werde. Seine Durchlaucht war von zwölf Uhr mittags bis morgens drei nie zu finden, nirgends, das war Herr Lutz längst gewöhnt. Einer der ersten Grundsätze höfischen Lebens ist der, daß auf Minute und Sekunde Mahlzeiten, Spaziergänge, Reisen und so weiter geregelt sind, daß man in jedem Augenblick über Thun und Lassen hoher Herrschaften orientiert ist; Seine Durchlaucht der Erbprinz lebte im genau entgegengesetzten Sinne.
Nicht daß Herr Lutz sich darüber ärgerte, o, er hatte das Aergern längst aufgegeben. Was allein in diesem Lotterleben ihn bedrückte, war das deutliche Empfinden, daß er selbst – Lutz – dabei langsam bergab ging. Er legte auf seine äußere Erscheinung nicht mehr die peinliche Sorgfalt wie früher, und das blendende Weiß seiner Krawatten wurde matt. Niemand fragte nach ihm, kümmerte sich um ihn, seine Thätigkeit war gleich Null, also wozu?
Selbst das feine und sichere Gefühl für die Schranken, welche Stand und Bildung ihm auferlegten, ging Lutz allmählich verloren. Es kam vor, daß er, von Langweile verzehrt, abends stundenlang bei den alten Weibern in der Küche saß und mit ihnen Kaffee trank! Er sank, er war eigentlich nur noch ein Bedienter, er verlor die Selbstachtung. Sein matter Zeitvertreib wurde der Verkehr mit einem Dienstmädchen aus der Nachbarschaft, mit dem er sich bisweilen traf, aber die Person ließ durchblicken, daß sie Lutz’ Frau zu werden beabsichtige, – so ließ er auch diese flüchtige Liaison fallen.
Gegen halb elf war Herr Lutz mit seinen drei Depeschen bei Rüders eingetroffen, aber es hatte längst Mitternacht geschlagen, ohne daß von Seiner Durchlaucht etwas zu sehen war.
Dann ganz plötzlich bemerkte Herr Lutz seinen Herrn. Seine Durchlaucht stand inmitten des tollen Lärms zwischen den Studenten. In der Rechten hielt er ein Bierglas, in der Linken den Schläger, die blaue Mütze saß ihm tief im Nacken, er schien eine Ansprache zu halten. Gleich darauf erhob sich ein unsinniges Gebrüll, man hieb mit den Gläsern auf den Tisch, daß es krachte, und Karl Heinrich stand lachend in der Mitte, mit blitzenden Augen rechts und links schauend.
Gravitätisch, ernst ging Herr Lutz durch die Reihen und machte hinter dem Prinzen Halt.
»Eure Durchlaucht –«
»Silentium! Der cantus: ›Von allen den Mädchen so blitz und so blank –‹«