»Ob früher oder später, Karl Heinz, das ist ja so gleichgültig. Schöner kann man sich den Abschied nicht wünschen als hier. Man braucht kein Poet zu sein, um damit zufrieden zu sein. Man schläft ein, ganz ruhig. Wir wollen lieber von dir sprechen, Karl Heinz. Du sagst, du kommst wieder, in acht Tagen oder in vierzehn Tagen, es mag sein. Aber es mag auch sein, daß du nicht wiederkommst. Bleib jung, Karl Heinrich, das ist alles, was ich dir wünsche. Bleib so, wie du bist, und wenn sie dich anders machen wollen – alle werden das versuchen –, dann kämpfe dagegen. Bleib ein Mensch, Karl Heinz, mit deinem jungen Herzen … Vielleicht kommt einmal eine Zeit, in der du an diese Heidelberger Tage und an mich mit andern Gefühlen denkst als heute, vielleicht mit Mißachtung oder gar mit Zorn. In der du dir sagst: ›Ich hätte damals nicht so tief hinabsteigen sollen zu den Menschen und meine Würde anders wahren müssen.‹ Sie werden dir alle vorreden, das sei wirklich so, und diese kurze Spanne Zeit sei ein unschöner Mißton in deinem Leben. Aber glaube ihnen nicht.«
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In dem gleichmäßig plätschernden Regen ging der Prinz den Schloßberg hinauf, dann zur Molkenkur und, ohne es zu wollen, immer höher, bis zum Königsstuhl. Die Wege waren feucht, und durch die Tannen ging es auf den Moosteppich nieder wie ein unaufhörliches leises Rieseln. Man sah keine hundert Schritt weit, der Blick auf die Rheinebene war vollständig verschleiert, aber aus den Wäldern drang ein so frischer, belebender Odem, daß es Karl Heinrich nach dem raschen Steigen leicht ums Herz wurde.
Er schnitt sich eine Gerte, mit der er die Regentropfen von den Zweigen klatschte, dann – erst langsam und dann schneller – lief er den einsamen Weg bergab.
Eine halbe Stunde später saß er in der neuen Glasveranda, die Herr Rüder für schweres Geld hatte bauen lassen, und trank von Herrn Rüders gutem »Badischen«.
Käthie hockte neben ihm auf der Ufermauer, sonst war niemand im Garten. Die Corps hatten heute Mensurtag, und andre Leute verirrten sich zu dieser Stunde und vor allem bei solchem Wetter nicht hierher. Es regnete jetzt so stark, daß die Tropfen auf dem Neckar Blasen schlugen, und daß man kaum die Häuser an der gegenüberliegenden Seite erkennen konnte, aber die trübe Laune, in der Karl Heinrich früh erwacht war und in der er den armen Regierungsrat besucht hatte, war verflogen. In ein paar Wochen würde er wieder hier sein, wo möglich schon eher, und der dicke Doktor würde wieder gesund werden, und alle Sentimentalität war Unsinn.
»Hol mal eine Postkarte, Käthie!«
»Wozu?«
»Wir wollen an den Doktor schreiben.«