Was konnte ich eigentlich dem Freunde in Werden schreiben?

Daß ich sie in der heißen Sonne am Wege sitzend fand, daß sie in der Abenddämmerung an meinem Arm durch die Felder wandelte, daß sie viel und hastig aufgeregt und verworren sprach, und ganz und gar nicht wie ein Professor der Psychologie? Daß wir bis spät in die Nacht hinein in der Gesellschaft des Vetters Just im Baumgarten saßen und zwar sehr still? Daß ich noch eine Viertelstunde zwischen Jule Grote und Mamsell Martin auf der Bank vor dem Hause hockte, und daß ich die beiden guten Alten reden ließ, ohne sie nur ein einziges Mal zu unterbrechen? Daß alles in der Welt von den verschiedensten Seiten angesehen werden kann? Daß aber, gerade weil dem so ist, alles auf Erden viel offener und sozusagen wehrloser daliegt, als der Mensch in seiner täglichen Verwirrung sich einzubilden pflegt? Daß der Mensch viel zu häufig Furcht hat? Daß es im Grunde keine Gespenster gibt — auch in und um Schloß Werden nicht? Daß die Nacht wundervoll klar und lieblich war, und daß die Nachtkühle außerordentlich beruhigend auf den Menschen wirkte, und daß es trotz alle, alle dem sehr leicht sei, über mittelalterliche Geschichten, und sehr schwer, über das lebendige Leben der Gegenwart zu schreiben?

Mit der letzteren Bemerkung begann ich selbstverständlich am folgenden Morgen meinen Brief und schloß ihn mit einer ganz ähnlichen.

„Ich reite wie gewöhnlich erst diesen Abend hinüber,“ sagte der Vetter Just, dem ich die Lektüre gern gestattet hatte. „Offen gestanden, Fritz, ich glaube, einen expressen Boten brauchen wir nicht damit hinzuschicken. Recht hübsch, Fritze!… und daß euch euer Abendspaziergang, ganz ohne daß ihr es merktet, dem Flusse zuführte, und daß ihr erst auf den letzten Hügeln umdrehtet, nachdem ihr längere Zeit nach den Bergen gegenüber ausgeguckt hattet — ist auch — recht hübsch, Doktor. Wenn du meinst, daß die Sendung Zeit hat bis zum Abend, so kannst du dich darauf verlassen, daß ich deine Schilderungen dem armen Teufel drüben getreulich überliefern werde. Übrigens — wenn ein Mensch auf eine prompte Korrespondenz gar keinen Anspruch hat, so ist das unser braver Freund Ewald auf Schloß Werden. Jetzt entschuldige mich freundlichst bis Mittag. Wir haben gerade heute einen ziemlich scharfen Arbeitstag vor uns. Bekümmere du dich um nichts als die Frau Irene und laß dir soviel als möglich von ihr Gesellschaft leisten. Über mittelalterliche Geschichten läßt sich wohl besser und leichter schreiben; aber in dem lebendigen Leben der Gegenwart stecken wir eben drin und haben uns durchzufühlen. Ich drücke mich wohl schlecht aus?… Aber — nimm es mir nicht übel, ich spreche nur nach, was du geschrieben hast, und in deinem Briefe an Ewald steht wirklich wenig von dem, was wir augenblicklich an uns und in uns und in der allmächtigen Schicksalswelt um uns erfahren. Dein Brief ist sehr nett und sehr freundschaftlich und sehr ausführlich — du hast den gestrigen Tag gut geschildert, und daß er zwischen den Zeilen wird lesen können, das ist noch besser; aber das beste und einfachste wäre meiner Meinung nach, — sie ginge einfach zu ihm.“

Das Wort kam wie etwas so Selbstverständliches heraus, so ruhig und sozusagen gemütlich, daß ich im Anfange glaubte, mich verhört zu haben:

„Was sagtest du, Vetter?“

„Ich bin bei eurer ersten Unterhaltung gestern auf dem Feldwege nicht gegenwärtig gewesen; aber das war auch gar nicht notwendig. Wenn einer weiß, wie dem anderen in seiner Verwirrung zumute ist, dann weiß er auch, welche Worte er gebraucht, um sich Luft zu machen; vorzüglich wenn er ihm ein jedes an den rotgeweinten Augen absieht. Bei einem lachenden Gesicht ist es freilich schon schwieriger, und daß ein Menschenelend wahr ist, erkennst du viel leichter, als wie ob ein Glück und Jubel dir nur als Komödie aufgeführt werde. Lache nicht über den Bauer vom Steinhofe, der ein Gelehrter werden wollte und es wirklich einmal für eine Zeit zum Schulmeister gebracht hat. An sich selber muß der Mensch in Erfahrung bringen, wie es dem anderen zumute ist, und in dieser Hinsicht glaube ich das Meinige gelernt zu haben.“

Es war nicht das erste Mal, daß der Mann es sich ausbat, daß man nicht über ihn lache. Es lohnte sich also nicht der Mühe, ihm noch einmal hierauf die gehörige Antwort zu geben. Wir saßen in seiner Giebelstube am Tisch; die Wände und die schräge Decke waren dieselbe geblieben. Ich war wieder ein Knabe, ein Kind; im Grasgarten unter den Kirschbäumen trieben die anderen als Kinder ihr Spiel, und ihr helles Lachen und Jauchzen drang zu uns her; und — es war geblieben, wie es schon damals war: nur der Vetter Just achtete darauf in sich selber nach der richtigen Weise, wie ihm und der Welt ums Herz war.

„Verlaß dich drauf, Fritz, sie will zu ihm, und weil sie Angst hat, daß es zu spät sei, schiebt sie die Schuld auf die Ruinen, die zwischen ihm und ihr liegen. Auf das alte brave Nest, Schloß Werden, gebe ich dabei gar nichts; aber ihr kommt es zupaß. Sie möchte es in ihrer heutigen Ratlosigkeit um alles in der Welt nicht anders haben, als wie es jetzt da liegt. Das kommt ihr gerade recht! Das ist der Nagel, an dem sie ihren Weiberstolz am bequemsten aufhängen kann, um ihn zu — schonen! Und Kinder sind sie alle beide, soweit sie in den Jahren vorangekommen sein mögen. Wie sie heute in sich hineingraben, ist ihnen keines der goldenen Schlösser, die sie (und du auch, Fritz Langreuter!) in die berühmten italienischen Nußbüsche in Werden hingen, so lieb wie der Zorn und die verhaltene Reue von heute. Du willst wissen, was sie dir gestern gesagt hat?… Hat sie dir nicht in einem Atem von ihrem Alter, ihrer Armut und ihrem Stolze gesprochen? Sie, welche die Jüngste von uns allen ist, und soviel zu verschenken hat, und alles so gern hergäbe, wenn nur das Schicksal sie wie ein verweintes Kind an der Hand nehmen und führen wollte. — Hat sie nicht gesagt, daß sie alles begreift und würdigt, was ihr Freund nur in dem Gedanken an sie erarbeitet und getan hat? Daß sie mit klopfendem Herzen ihm dafür dankbar ist, hat sie wohl nicht gestanden, — das umschreiben die Weiber immer am liebsten oder drücken es anders aus, zum Exempel durchs Gegenteil, und das letztere hat auch sie getan. Nämlich, daß sie um keinen Preis der Welt sich durch ihn demütigen lassen könne, hat sie gesagt. — Wenn es nicht schade wäre um jeden Tag, den sie unnützerweise dadurch verlieren, so könnte man wirklich einfach darüber lachen … und sich ärgern! Sag mal, Fritz, glaubst du nicht auch, daß der Ärger die einzige wirklich konservierende Zutat in unserem irdischen Zustand ist? Ich habe darüber nachgedacht; im höchsten Schmerz, im edelsten Zorn und Kummer schmeckt man ihn durch. Er ist wie das Salz das Gemeine oder Allgemeine, aber doch das, was unter allen Umständen dazu gehört. Schicksal kann man nicht spielen; ohne Ärger kommt man nicht aus, — in seinen Einbildungen lebt man, — warten, warten muß man — heute wie morgen — auf das, was mit einem geschieht: in das Glück kann sich kein Mensch unterwegs retten; so fallen die Besten und Edelsten in die Entsagung, um nicht dem Verdruß zu verfallen, und das ist der Fall heute mit Ewald und Irene. Wenn aber einer von uns zweien hier am Tisch sagt: Es schmerzt mich! so könnte er dreist ebenso gut sagen: Ärgert mich nicht! — Und jetzt siegele ruhig deinen Brief zu, du hast es wirklich sehr hübsch ausgedrückt, wie dir zumute war, als du nach längerer Abwesenheit zum ersten Mal wieder den Steinhof besuchtest.“

„Just!“ klang es vom Hofe her in unser offenes Fenster.