Selten war mir zwischen Tür und Angel ein nur annähernd gleich trostreiches Wort gesprochen worden wie dieses letzte der atemlosen, vor Hast und Erregung zuckenden soeur ignorantine, die gottlob so genau Bescheid wußte. Aber unsere Privatunterhaltung war jetzt zu Ende für den Augenblick; — es war wieder einmal Essenszeit auf dem Steinhofe, und alles Hofvolk stieg durch das Heu und kam, seinen Platz an dem Tische einzunehmen, den der Vetter Just Everstein durch die alte Stube auf feste Eichenfüße von neuem hingestellt hatte: zwei Bänke von Tannenholz die Langseiten entlang, ein Schemel für den Hofjungen und ein Holzstuhl mit einer Lehne für den Herrn. Es konnte in ganz Germanien keine vornehmere Hoftafel abgehalten werden!

Vierzehntes Kapitel.

Die Nacht war still, und ich überdachte den ersten Tag, den ich wieder auf dem Steinhofe zugebracht hatte. Die Nacht war ungemein still, und, Gott sei Dank, auch in mir ging’s nicht außergewöhnlich lebhaft und lärmhaft zu. Was übrigens in dem gewohnten Laufe der Dinge und Stimmungen in der Welt durchaus nicht so hätte sein dürfen, denn ich befand mich in dem Hause meines außerordentlich glücklichen Freundes, und der Vetter Just hatte mir wiederum viel von der Vortrefflichkeit des Preises, der mir entgangen ist, gesprochen. Ich aber kann darüber nur sagen, was ich schon gesagt habe, und da es eine Nacht der Wiederholungen war, so will ich es auch an dieser Stelle noch einmal zu Papiere bringen: Ich gönnte dem Vetter aus vollstem Herzen alles Gute, Liebe und Schöne, das er, weil er’s verdient hatte, sich gewonnen hatte — so kurz noch vor Torschluß! Von alten Nestern handeln diese Lebenshistorien: die Zeiten, wo wir sie jung ins Grüne bauten, die waren für uns alle lange, lange vorüber; aber Just Everstein und Eva Sixtus wurden ein stilles, solides Paar, auch ein stattlich Paar und eine Krone der Gegend. Eine Herrin gehörte noch an die fürstliche Tafel, die der Bauer vom Steinhofe Punkt zwölf Uhr mittags öffentlich, d. h. bei offenen Türen hielt, und wer hätte den Platz währschafter und freundlicher auszufüllen vermocht als die jetzt so stattliche Jungfrau vom Försterhofe zu Werden — meine rehhafte, leichtfüßige, liebliche Jugendliebe?!…

Ich war aber auch dem Stadtrat Bösenberg aus Finkenrode nicht umsonst unterwegs begegnet; ich hatte nicht umsonst mit ihm gefrühstückt in Finkenrode: Stadtrat zu Bodenwerder wurde ich mein Lebtage nicht und noch viel weniger Bürgermeister daselbst. Die den Ort sonst betreffenden historischen Studien hatten mir der Justizamtmann Bürger zu Göttingen und der Obergerichtsrat Immermann in Düsseldorf schon längst vor der Nase weggefischt. Um es mit ein paar kurzen Worten auszudrücken: mein Name war Dr. Langreuter, der irische Baukünstler Ewald Sixtus hatte mich nur für einige Wochen aus einem mir völlig angemessenen Lebensberuf weggeholt, und ich gehörte einfach nach Berlin und nicht nach Dorf Werden; letzteres ebensowenig wie der internationale Ingenieur Ewald Sixtus nach dem dort noch befindlichen, aber sehr zur Ruine gewordenen Herrensitz der Grafen von Everstein.

Ich lag lange in dieser Nacht im offenen Fenster auf dem Steinhofe, und die Kühle war sehr erfrischend, und die Monddämmerung sehr wohltätig nach dem heißen, blendenden Heumondstage. Sie hatten ihr Heu wohl meistens glücklich unter Dach gebracht, aber der Duft davon durchzog noch immer angenehm, wenngleich etwas betäubend die Nacht; ich aber konnte zu keiner besseren und günstigeren Zeit als zur Zeit der Heuernte auf dem Steinhofe wieder zu Gaste sein. Es ist immer ein anderes, wenn die Wiesen in voller Pracht und Blüte stehen, mit seinen Illusionen und Herzensneigungen abzuschließen, und ein anderes ist’s, zur Zeit des Heumachens anderer seine Lebensruhe sicher und trocken unter Dach zu bringen. Was dabei meine Gemütsstimmung nicht verschlechterte, war die im Verlauf des Tages gewonnene feste Überzeugung, daß auch zwei anderen Leuten und lieben Freunden sich der Pfad sanft abwärts führend viel leichter glätten werde, als sie augenblicklich noch beide für möglich hielten.

Ich hatte dem jetzigen Herrn von Schloß Werden mein Wort gegeben, ihm in dieser Nacht sofort zu schreiben; ich wußte, daß der Mann und wilde Irländer in der Försterei zu Werden ebenfalls wenig schlief in dieser Nacht, hatte mir auch gewissenhaft einen Briefbogen zurechtgelegt und dem Vetter Just sein Tintenfaß mir aus seiner Giebelstube geholt; aber — wozu eigentlich immer selber stets Wort halten in einer Welt, in der es einem selber so häufig nicht gehalten wird, sowohl vom Wetter wie vom Schicksal?… Ihrem Schicksal entgingen sie — Ewald und Irene — darum doch nicht; was ich aber brieflich mitteilen konnte an den Freund, war wenig und hatte in der Tat vollkommen Zeit bis morgen. Wie sich das stolze Herz der Frau noch sperrte und flatterte und mit den Flügeln schlug, das ließ sich doch nur schwer mit des Vetters schlechter Tinte und noch schlechterer Feder hinschreiben, und dazu hatte der Vetter selbst mich vom Schreiben abgehalten. Er war ganz meiner Meinung gewesen; aber bis über die Mitternacht hinaus hatte er bei mir gesessen und die Sache immer wieder von einer anderen Seite her beleuchtet und geredet wie der außerordentlichste Professor der Psychologie.

Der irländische Baumeister Ewald Sixtus hatte manche Nacht durchwacht, um Schloß Werden sich zu gewinnen, weshalb sollte er nicht die eine und die andere Nacht durchwachen, um zu dem Entschluß zu kommen, es wieder aufzugeben?

„Gute Nacht, Just. Dein Schreibzeug läßt du mir wohl bis morgen früh?“

„Ist denn noch Tinte drin? Wohl mehr tote Fliegen und dergleichen?“ fragte der Vetter, lächelnd sich hinter dem Ohre kratzend. „Lieber Bruder, die Zeiten haben sich ganz besonders in dieser Hinsicht sehr geändert. Ich habe schon mehrmals einen reitenden Boten nach Bodenwerder schicken müssen, um mir den notwendigen Tropfen zu einer Namensunterschrift holen zu lassen.“

Ich stieß den Federstumpf durch den Schimmelüberzug und fand noch genügendes schwarzes Naß, um aller Welt Glück und Leid dreintauchen zu können, und meine Ansicht, Meinung, Weisheit und guten Ratschläge dazu; der Vetter war gegangen, und ich hatte — die Feder neben den Briefbogen gelegt und mich in das Fenster.