Nicht das kleinste Wörtchen, kaum ein zustimmender Gestus war in diese Begrüßungsrede einzuschieben gewesen. Wie der gelbe Heimatsfluß beim Eisgange rollte her, was Jule Grote zu meiner Bewillkommnung auf dem Steinhofe vorzutragen hatte.
Der Vetter Just stieß mir nur bei jedem Komma und Atemholen den Ellenbogen in die Seite, was nichts weiter hieß als: Siehst du wohl? Ganz die Alte! — Was wäre das alte Nest, der Steinhof, ohne die Alte! — Ich aber hätte die Alte bei jeder neuen Wendung und vorzüglich da, wo sich die Schollen aufeinander zu schieben drohten, beim Kopf und Kragen nehmen mögen, um sie abzuküssen, wie keine Jüngere im Lande.
Und dazu brotzelte es vom Küchenherde her, und alles war voll Heuduft; und Frau Irene und ich waren die einzigen, die nicht in Hemdärmeln auf dem Steinhofe herumwirtschafteten. Es war ein heißer Sonnentag mitten im Sommer und in unserem Leben; aber die Sonne war doch das Beste in der Welt, und wer sie nicht ertragen mag, der mag sich einfach vor der Zeit begraben lassen. Es sind aber auch nur diejenigen, welche auch hier unten „fremd“ bleiben, wie Jule Grote sich ausdrückt, die die Sonne nicht vertragen können.
Aber ein drittes Wesen, das gleichfalls nicht in Hemdärmeln einherging, hatte ich eben doch vergessen aufzuzählen. Zugeknöpft bis an den Hals, sowohl was das Kostüm als was die Gemütsstimmung anbetraf, setzte mir jetzt Mademoiselle Martin aus Nanzig einen Knix hin — vor der Welt, um mich sodann mit zupackendstem, nicht den geringsten Aufschub zulassendem Interesse in den Winkel zwischen Stubentür und Wand zu ziehen und zu flüstern:
„Et l’autre?! Der andere?! Wo ist der andere? was denkt sich der andere? was tut der andere?“
„Der andere? Ewald? Ewald Sixtus?“
Die alte Dame hielt meinen Arm und schüttelte mich, wie sie mich nie in meiner Jugend auf Schloß Werden geschüttelt hatte:
„Ah — oui — ich werde wie gebraten hier auf heißen Kohlen, und da kommt dieser, und ich halte ihn, und er sieht mich dans mon angoisse, und ich schüttele ihn und er — fragt!“ …
„Ach Mademoiselle,“ seufzte ich, „der andere fragt ebenfalls. Vor allen übrigen fragt er auch Sie, was er mit Schloß Werden anfangen soll? Wir haben gestern um diese Tagesstunde alle Türen dort aufgeschlossen; aber einen Eingang haben wir darum doch nicht gefunden. Am hellen Mittage haben wir große Furcht gehabt —“
„Und ich weiß schon, was ich ihm sagen werde; aber der vaurien, der Taugenichts, muß selber zu mir kommen. Was schickt er einen anderen hierher, wenn der gute Gott ihm auch zwei Beine hat anwachsen lassen! Aber es war immer so! nur wo er einen Unsinn konnte ausüben, kam er selber; — wo es galt, nach der raison zu handeln, mußte man ihn immer suchen.“