„Du weißt es ja wohl, daß ich immer eine Vorliebe für das grüne Gras und das weiche Heu gehabt habe, nämlich für das Langhin-drein-sich-legen. So kommt man denn stets zu seinen Lieblingsneigungen zurück; — lache nur, Horaz hat’s: Naturam expellas furca und so weiter, soviel Latein weiß ich noch! Das war ein Satz bei Römern und Griechen und ist es auch bei uns neuen geblieben. Klettre über, wühle dich durch; — die Haustür findest du hinter dem Haufen an der alten Stelle, und — hör nur — da sind sie in gewohnter Weise scharf in der Unterhaltung — gegeneinander. Taub sind sie alle beide ein bißchen, und zu sagen haben sie sich natürlich immer was, — Jule Grote und Mamsell Martin meine ich! Na, auf das Gesicht freue ich mich, was meine Alte über dich machen wird. Weißt du noch, für das liebe Fritzchen drüben von Werden hielt sie immer eine Extrapartie von Pfeffer, Salz und Essig in ihrer Natur bereit; denn darauf ließ sie sich jeden Tag totschlagen: wenn ein Mensch und nichtsnutziger studierter Taugenichts von Jungen den dummen Jungen, ihren Just, auf dem Gewissen hatte, so warst — du das.“

„Ist das wahr, Irene?“ fragte ich, mich zurückwendend, doch die Freundin war uns im Rücken abhanden gekommen, ohne daß ich es gemerkt hatte.

„Das ist jetzt ihre Art so,“ sagte der Vetter Just, „sie wird sich schon wiederfinden lassen. Hättest du es wohl für möglich gehalten, daß die Gute, Wilde so lärm- und menschenscheu hätte werden können? Aber sie hatte verweinte Augen! Ihr habt wohl schon die paar Augenblicke der Unterhaltung am Wege nach Möglichkeit ausgenutzt? Das ist recht, denn im Grunde habe ich dich dazu hergerufen; aber nun komm fürs erste ins Haus und sieh zu, ob du die alte Herberge am Wege noch wiedererkennst. Glaube nicht, daß mir das etwas Natürliches und Selbstverständliches ist. Einen um den anderen Morgen wache ich auf und wundere mich, mich so wieder zu Hause zu finden. Naturgeschichtlich besteht es ganz und gar nicht zu recht, daß jeder Vogel wieder in dasselbe Nest fällt, in welchem er flügge geworden ist, sondern ganz im Gegenteil.“

„O Vetter, da sprichst du ein trostreiches Wort aus!“ rief ich. „Und das beste für uns andere ist, daß du, du das sagst! Was kümmert uns denn da noch Schloß Werden? Wie sehr es da spukt, das glaubte ich gestern erfahren zu haben, als man mich bat, als Gelehrter mit dem Gespenst zu reden; aber in Wahrheit erfahre ich es erst jetzt. Mit Geistern soll sich der Mensch herumschlagen, aber die Gespenster mag er sich selber überlassen. Was geht uns Schloß Werden an; denn wie würden wir an jeglichem Morgen erwachen und uns wundern, uns daselbst wieder zu Hause zu finden?!“

„Irene auch, und das ist das allerbeste!“ sprach der Vetter Just, und wir stiegen durch das Heu, die durch die Sommersonne in Wohlduft und Nutzen verwandelte Wiesenschönheit des Jahres. Noch einmal dachte ich an den gestrigen Weg über den verwilderten, verwüsteten Schloßhof zu der Tür von Schloß Werden, dann aber nicht mehr; der Steinhof nahm mich ganz gefangen.

„Mit Fräulein Martin bist du ja erst neulich zusammengetroffen und ihr kennt euch also noch; aber mit dir ist es etwas anderes, Jule. Komm her, Alte, und betrachte dir den Gast genauer. Wer ist das? Wer kann es sein?“

Die Greisin hielt die Hand über die blöden Augen; doch schon platzte der Vetter heraus:

„Das Fritzchen ist’s! Der kleine Fritz Langreuter von Werden! Wer könnte es denn sonst anders sein?“

„I du meine Güte!“ schrillte der verrunzelte, graugelbe, weißhaarige Schutzgeist des Steinhofes, und mit dem Ton wachte auch der Rest von dem auf, was an Jugenderinnerungen auf dieser Erdstelle bis jetzt für mich noch im Schlafe gelegen hatte. Was waren alle Heimchen an dem sonnigen Feldwege von Bodenwerder herauf gegen diese aus der Vergangenheit hervorzirpende Alt-Weiber-Stimme? Aus allen Winkeln und Ecken nicht nur des Hausflurs, sondern des ganzen Hauses hallte es wieder bis auf das Klatschen der Ohrfeige, wie sie Freund Ewald Sixtus in Empfang nahm, wenn er mit dem gesamten Eiersegen aus den Hühnerställen des Steinhofes in den Taschen sich harmlos, aber dreist auf den Heimweg machte und noch unter der Pforte von der Hüterin des umfriedeten Bezirkes ertappt wurde. Wer je einen erhitzten Gemütes abgezogenen Holzpantoffel gegen eine verriegelte Tür pochen hörte, dem lebt der Hall auch wieder auf, wenn er die Klopferin nach Jahren wiedererblickt, und die nämliche Fußbekleidung griffgerecht an ihren Füßen. „Es hilft uns nichts, Fritze, sie trommelt uns heraus,“ pflegte der Vetter Just in der Giebelstube zu sagen. — Ja, da stand sie, Gott sei Dank, noch in ihren Schuhen, und nun schlug sie die Hände vor dem Leibe zusammen, daß es gleichfalls den alten trockenen, knöchernen Hall gab, und seufzte herzzerbrechend, aber doch, wie es mir schien, mit einem gewissen Behagen:

„Ach, du liebster Gott, also das ist er wirklich? Ach, und ist wirklich aus einem so überstudierten Jungen ein so gelehrter Herr und Herr Doktor geworden? Ach, und du liebste Barmherzigkeit, Herr Fritz, und — so dünn! — Nehmen Sie es nur nicht übel, Herr Doktor Fritz; je ja — je ja, es ist mir ja wirklich eine rechte Herzensfreude, aber recht schlecht und kümmerlich muß es Ihnen doch wohl da draußen in der Welt ergangen sein? Je ja, das ist so, wenn der Mensche dem lieben Herrgott zu genau in die Karten gucken will; da vernachlässigt er denn seine Leibesnahrung, zumal wenn ihn auch keiner daran erinnert, daß es Klokke Zwölfe am Mittage ist, wie ich meinen Just da, der sonst auch wohl als Faden sich durch’n Stopfnadelöhr ziehen lassen könnte. Das habe ich ja immer gesagt, wenn Sie sonst hier auf den Steinhof kamen, und mein Just jedesmal das Fieber nach Ihnen kriegte. Just, habe ich gesagt, wie kann so ’nem Jungen was anschlagen? Den setze du in’n Fettpott, und er bleibt, was er ist; an den kommt nie in seinem ganzen Leben was Rechtes. Wenn ich dem seine Mutter wäre, so schliefe ich keine Nacht aus Angst um ihn. Also, wenn du denn gar nicht von ihm lassen kannst, Just, so nimm dir zum wenigsten ein Exempel an ihm! Ja, je ja, so habe ich dunnemalen in den Wind gesprochen, und daß ich jetzo wiederum darauf komme, das tue ich nur, weil dem Menschen in seinem Vergnügen manches hingeht, was man sonst wohl krumm nimmt, wenn einer kein Blatt vor den Mund nimmt. Und das ist meine Rede, Herr Fritze, Herr Doktor Fritze, ich freue mich gewiß und sehr, daß ich Sie endlich doch noch mal erblicke; und wie es Ihnen auch draußen in der Fremde ergangen sein mag, auf dem Steinhofe sind Sie immer willkommen, und nun kommen Sie nur wie sonst recht oft nach dem Steinhofe; meinen Jungen, den Just da, verführen Sie mir jetzt nicht mehr; wir aber wollen es mit Pläsier versuchen, ob sich denn gar nichts an Sie heranfuttern läßt! Ihre Frau Mutter habe ich doch auch gut genug gekannt und gern gehabt, nach Ehren strebe ich nicht, aber das wäre mir doch was wert, wenn sie mir dermaleinst da oben die Hand gäbe und sagte: Jule Grote, Sie hat an allem, was mit Ihrem Just gut Freund gewesen ist, getan, was sie konnte, selbst wenn sie es nicht verdient haben wie viele aus Bodenwerder und sonst hier aus der Umgegend, die ich jetzt hier nicht in den Mund nehmen mag; aber an meinem Jungen, dem Fritz, da hat Sie Ihr Allermöglichstes getan, und jetzt komme Sie nur her, dafür will ich Sie jetzt hier bekannt machen; denn die Besten, die von unten heraufkommen, sind zuerst immer ein bißchen fremd — das ist überall so.“