„Das ist gut, daß du wenigstens da bist,“ sagte der Vetter Just Everstein.

Dreizehntes Kapitel.

„Und das Quadrat der Hypotenuse ist immer noch so groß wie die Summe der Quadrate der beiden Katheten,“ rief ich; es ging nicht anders. Wie einer der grünen Zweige, auf denen sich unsere Kindheitsnester wiegten, hing der Magister matheseos aus der Vergangenheit in die Gegenwart hinein; ich mußte danach greifen und nicht bloß nach ihm, sondern nach allem, was an Blüten und Früchten sonst dran hing.

Und es war wohlgetan. Zum ersten Male glitt etwas gleich einem Lächeln über Irenes Gesicht.

„Wie wunderlich,“ sagte sie, „daß wir einst kamen, um dich auszulachen, Just, und uns heute noch daran als an unsere glücklichsten Minuten erinnern. Auch an Eva haben wir mit unserer Kinderlustigkeit wohl arg gesündigt; aber das war wohl vor hundert Jahren —“

„Nicht ganz so lange ist es her!“ meinte der Vetter Just; doch Irene Everstein, seinen Arm nehmend, rief:

„Für dich und — deine Braut wahrhaftig nicht, aber für uns andere. Sieh nur den Fritz Langreuter an, wie er mir recht gibt und was für ein verrunzelt ernsthaft urväterlich Gesicht er zu seinem Seufzer macht. Gewiß und wahrhaftig, ihr allein seid jung geblieben, Just und Eva; — kreischend lachen und jauchzen wie wir konntet ihr nie; nun dürft ihr heute lächeln, und wir dürfen das jetzt so wenig für eine Beleidigung nehmen als ihr damals unser Lachen. Nun komm aber, Just, wir wollen dem Berliner Doktor hier endlich einmal wieder den Steinhof zeigen; es ist doch hundert Jahre her — mehr als hundert Jahre, seit er durch sein gastfreundlich-freudiges Tor einging. Wie oft er das freilich im Schlafen und Wachen im Traum tat, kann ich nicht wissen.“

Ja, da lag der alte Hof, der echte, rechte Bauernsitz, die deutsche Heimstätte des gelehrten Bauern Just Everstein vom Steinhofe im vollsten Glanze der Sommersonne, das heißt, soviel augenblicklich, nachdem wir den altbekannten Weg bis zu dem altbekannten Zaune zurückgelegt hatten, von ihm zu sehen war. Es war die Zeit der Heuernte, und bis ans Dach, schier bis hinauf an das Fenster der Giebelstube des Vetters lagen die duftenden Haufen aufgetürmt, und der Zufuhr von allen Seiten schien kein Ende zu sein.

„Auf unserem steinigen Ackerlande bauen wir wie sonst, was darauf passen will,“ seufzte der gelehrte Bauer, um sodann behaglich hinzuzufügen: „Ja, da ist der Steinhof wieder, Fritz Langreuter, und ich glaube, ich habe nunmehr wirklich daraus gemacht, was zu machen war. Man will sich eben immer von seinen liebsten Freunden am liebsten loben lassen, sei es wegen seines Lateins, seiner Mathematik oder seiner Landwirtschaft. Also lobe mich nur dreist heraus! Mit meiner Vorfahren Ackerboden habe ich auch mit allen meinen amerikanischen Erfahrungen wenig anzufangen gewußt; aber an eine rationelle Ausnutzung unseres Wiesenlandes hatte vor mir keiner gedacht; ich aber habe manchen guten Morgen zugekauft, und es trägt sich aus.“

Lächelnd stieß er mich in die Seite: