„Komm und sieh, was ich für dich und mich habe tun können“ …

Das war nichts; aber in dieser heißen, blendenden Mittagsstunde, nach dem letzten Worte Irenes zuckte es mir eben durch Hirn und Herz: „Aber das ist ja auch nichts, und die Hauptsache ist es ja einzig und allein, daß sie es wissen und es deutlich sagen können, wie es ihnen zumute ist. Alles andere bedeutet nichts, und die Nester, die sie in die Zweige der Nußbüsche an der Hecke bauten, gelten ebensoviel wie die Mauern von Schloß Werden. Auf schwankendem Gezweige, zwischen Himmel und Erde schaukeln wir alle; aber am meisten dann, wenn wir am tiefsten in die Erde graben, um einen festen Grundstein für die Burg zu legen, in der wir mit unserem Glück zu wohnen wünschen.“ Irene kämpfte mühsam mit ihren Tränen; mich aber überkam allgemach immer mehr die Gewißheit, daß hier doch noch nicht alles aus und zu Ende sei; wie es aber sich zuletzt schicken mochte zwischen diesen zwei stolzen, widerspenstigen Seelen, wer konnte das sagen?!

Wie aber schickte es sich, daß die Jugendfreundin gerade in diesem Augenblick meine Hand fester nahm und mir zuflüsterte:

„Nicht wahr, Fritz, es ist doch auch gut so, wie sich das Verhältnis zwischen dem Vetter Just und unserer Eva gestaltet hat?“

„Ja!“ sagte ich, und ich sprach keine Unwahrheit, wenn ich hinzufügte, daß ich meinesteils vollkommen damit einverstanden sei. Habe ich es nicht schon gesagt, daß ich der größte Egoist von allen diesen Menschenkindern geworden war und mir am meisten die Fähigkeit gewonnen hatte, allein zu bleiben und — dann und wann auf Verlangen ruhig den anderen ihre Ansicht zu bestätigen oder gar sogenannten guten Rat zu geben?…

Vielleicht hätte ich aber doch nicht so klar und gelassen bejahend auf diese zwischen Tränen hervorspringende Frage geantwortet, wenn es nicht die Hauptperson in diesen Lebensgeschichten gewesen wäre, welcher gegenüber ich mein Recht, nein zu sagen, aufgegeben hatte.

Ihre Augen hastig trocknend, rief Irene:

„Da kommt der Vetter!“ und wir wendeten beide uns ihm rasch zu, beide froh, daß er dieser kurzen, bitteren, schmerzensreichen Unterhaltung auf dem schattenlosen Feldwege ein Ende machte.

Er kam von seinem Gehöft, von seinem in so ganz anderer Weise als Schloß Werden wiedergewonnenen Erbsitz auf dieser Erde. Auch ihn sah ich jetzt zum ersten Mal in der hellen Mittagssonne der Heimat, und sie änderte nichts daran, sie stellte es nur in ein helleres, freudigeres und sozusagen verständigeres Licht: in seinen gemütsruhigen, gesunden Jahren paßte und gehörte er ganz und gar zu Eva Sixtus, und ich änderte nichts an dem Faktum!

Es lag in jedem seiner Schritte etwas wie eine Bürgschaft für den ferneren guten, stillen, hülfswilligen Lebensweg der beiden Leute. Mit den buntfarbigen Phantasmagorien, mit den Schmerzen und Tränen der Jugend hatte die lächelnde Sonne, die auf seiner Stirn und seinem Hausdache lag, freilich schon längst nichts mehr zu schaffen; aber nichtsdestoweniger ist und bleibt sie etwas sehr Gutes und Wünschenswertes in dieser Welt der Verwirrung, des Nebels und des Landregens.