„Doch!“ sagte sie, und das Wort kam kurz und hart heraus. „Wir stehen hier jetzt in der hellen heißen Sonne des Mittags, und es ist mir lieb so und ganz recht. Wir wollen nicht den Schatten und das freundliche Dach des Freundes suchen, um uns behaglicher und langatmiger über Schicksal und Schuld auszulassen —“

„Irene?!“

„Ich höre gern einmal wieder meinen Namen mit so freundlicher besorgter Stimme auch von dir rufen, Friedrich; — o, ich weiß es wohl, ihr alle meint es sehr gut mit mir und habt so viel Geduld; ich aber habe nichts für euch, als daß ich euch sage, wie es mir zumute ist; und — um das Herz ist’s mir, als hätte ich weiter nichts in der Welt, als daß ich mich gegen euch wehre, … gegen euch alle!“ …

Wie verstohlen hatte der Vetter Just den alten Broeder, die Grammatik, in der er alle Weisheit der Welt vermutete, einst unter dem Stein da und zwischen den Disteln und dem Wegelattich versteckt; — wie hatten Ewald und Irene gelacht, als sie das zerlesene Buch doch hervorzogen: nun hielt mir heute Irene Everstein das Blatt für Blatt mit Tränen getränkte Buch, über welchem ich sie jetzt überrascht hatte, offen hin.

Ganz nahe beugte sie sich zu mir und flüsterte mehr, als daß sie sprach:

„Sage ihm, daß ich alles weiß, was er für mich getan hat, um mich getan hat! Er hat sein Leben daran gesetzt, und er hat nicht nach rechts und nach links gesehen, sondern nur rückwärts nach der Stunde, in der wir, ich und er, Abschied voneinander nahmen. Ich bin das Weib eines anderen Mannes geworden, und er hat seinen Willen durchgesetzt, um mich zu demütigen und zu dem Geständnis meiner Schuld gegen ihn zu bringen …“

„Nein, nein! Das ist nicht so! Irene Everstein, das ist wahrhaftig nicht so!“ rief ich.

„Das ist doch so!“ antwortete sie kopfschüttelnd, aber ganz sanft. „Sieh, Freund, er und ich haben uns immer zu gut gekannt, um nicht besser als all ihr übrigen zu wissen, wie es um uns steht. Es ist auch ganz das Richtige, was er getan hat, und ich gönne ihm seinen Sieg und seinen Triumph; — ich freue mich, daß er so stark und so tapfer gewesen ist und im Stillschweigen! wäre ich seine Schwester, wie unsere liebe Eva, so wäre mein Glück vollkommen! Aber ich bin nicht seine Schwester — ich bin nicht sein Weib geworden — sieh, Fritz Langreuter, die Sonne steht uns klar und hell über den Köpfen, und in ihrem Scheine spreche ich zu dir klar und hell, und eine alberne frauenzimmerliche Närrin bin ich nie gewesen: ich gehörte ihm zu, und er gehörte zu mir von Gottes und Rechts wegen, seit wir unseren Kinderhaushalt im Spiel in den grünen Büschen von Schloß Werden aufschlugen! Er aber weiß das, und jetzt, da meine Jugend dahin ist, und da ich als Bettlerin bei dem guten, barmherzigen, weisen Mann, dem Vetter Just, hier auf dem Steinhofe sitze, da ich bin, was ich bin, kommt er — der Unbarmherzige, und ich fühle seine tapfere treue Hand wie mit einem bösen zornigen Griff und Schütteln an meiner Schulter! Mir gehört heute deines Vaters Haus, deinetwegen gehört es mir; ich habe in der Fremde, im Stillschweigen, in der Arbeit, die lange, lange Zeit durch, dich keinen Augenblick aus meinen Sinnen und Gedanken freigelassen, nun nimm deine Kraft zusammen und vergiß und sei glücklich; wir wollen uns von neuem einrichten in den Ruinen, mit keinem Wort und keinem Blick will ich dich je daran erinnern, daß wir in Ruinen wohnen! Und nun — rede du mir dagegen, Fritz, und sage, es hat keinen Sinn, was du sprichst, Irene, du sprichst nur aus deinem kranken, verwirrten Gemüte in den hellen, gesunden, lichten, stillen Tag hinein, weil du in deiner Unruhe und Angst eine Stimme — deine Stimme hören möchtest.“

Sie hatte recht; es war recht schwer, ihr etwas zu erwidern. Während ich nach Formeln, Phrasen suchte und für hundertfältiges Ja und Nein ein erlösendes Wort suchte, schritt ich wieder mit Ewald Sixtus durch die Gänge, Stuben und Kammern von Schloß Werden, rüttelte an verrosteten Türgriffen, drückte mit dem Knie die verquollenen, widerspenstigen Türen auf und sah scheu auf die Fußtapfen, die wir hinter uns zurückließen in dem Staube, der den Boden bedeckte.

Er hatte recht, der Freund: es war nicht dasselbe, wenn er Schloß Werden gewann und Just Everstein den Steinhof wiedergewann! Schlafendes Leben läßt sich wieder aufwecken, aber Totes läßt sich nicht lebendig machen; und Schloß Werden war tot, war tot auch für das Kind des Hauses und für den, der sein Herzblut darum gegeben hätte und seinen ganzen Willen gegeben hatte, das Rad zurückzudrehen und der Frau auf dem Steinhofe zu sagen: