Da dem Vetter Just der Hunger gänzlich vergangen zu sein schien, so verging er auch seinen Gästen so ziemlich. Doch erst, nachdem das Hofgesinde in Ruhe abgegessen und die Stube verlassen hatte, teilte uns Just Everstein mit, was ihm und uns das Schicksal durch den eiligen Boten von „drüben“ hatte wissen lassen.
„Hattest recht, Jule; es war ein Bote aus Werden, und er hatte es sehr eilig. Die Leute ging es aber nichts an, sondern nur mich und — euch. Sie haben heute noch einen heißen Arbeitstag vor sich, und so schickte es sich nicht, sogleich damit herauszufahren. Für mich — für uns ist es wieder einmal ein schwerer Tag geworden. O, es ist schade, schade! ich hatte noch für so lange, lange auf ihn mitgerechnet zu meinem — zu unserem Glück!“
Bleich und bebend hatte Irene sich erhoben.
„Welch Unglück ist wieder geschehen?… Ewald! Ewald!“ rief sie; und der Vetter nahm sanft ihre Hand von seiner Schulter.
„Nein, Liebe!… es denkt jeder nur immer an das Seinige!… Ewald und Eva haben geschickt; — es ist nur der alte Herr, der Abschied nehmen will. Ach, ich denke auch nur an mich! es ist schade, schade; — zu seinem und Evas und zu meinem Glück und Behagen hatte ich noch so lange, lange auf ihn mitgezählt! Da ist der Zettel, welchen der Bote gebracht hat.“
Das von Ewald flüchtig gekritzelte, von dem Vetter im ersten Schreck und der zusammengehaltenen Aufregung arg zusammengeknitterte Blatt ging von Hand zu Hand. Es lautete:
„Den Vater hat heute morgen, während er seine Holzfäller beaufsichtigte, ein Unfall betroffen. Ein Ast eines stürzenden Baumes hat ihn im Rücken beschädigt und von den Hüften abwärts gelähmt. Er ist bei voller Besinnung und nur zornig auf sich selber. Von mir kann leider nicht die Rede sein. Der Alte sagt nur: ‚Daß ich so dumm auch gerade während Deines Besuchs sein mußte, das ärgert mich noch am meisten!‘ — Jetzt erst weiß ich es, wie fremd ich zu Hause geworden bin. Eva hat Dich nötig, Just; also komm zu ihr. Dem alten Herrn wirst du gleichfalls zum besten Trost gereichen.“
Irene hielt jetzt den zerknitterten Zettel; Jule Grote wiegte den Oberkörper hin und her und stöhnte: „O Je! o du mein Je; nun geht auch der weg!“ Mademoiselle sah, über den Tisch vorgebeugt, mit angehaltenem Atem auf ihre Herrin, Schülerin und Schutzbefohlene; der Vetter blickte zu mir herüber, seufzte nochmals tief und schwer, strich sich mit der Hand über Stirn und Augen und fragte:
„Was ist deine Meinung, Fritz? So rasch als möglich müssen wir hinüber; aber du weißt, die Pferde sind augenblicklich alle vom Hofe. Das eine Paar wird erst gegen Abend heimkommen, das andere kann ich zwar vom Tillenbrink holen lassen, aber es gehen doch gut anderthalb Stunden drüber hin. Mein Rat ist, wir gehen nach Bodenwerder und nehmen dort eine Extrapost.“
„Fremd zu Hause!“ murmelte Irene, aus ihrer Betäubung erwachend. „Wir wollen gleich gehen und den alten Weg nehmen — wie damals, als mein Vater gestorben war.“