Wie in diesem Worte so vieles zu einem Abschluß kam, entging uns in diesem Augenblick vollständig. Wir haben aber alle nachher daran gedacht.

„Ja,“ sagte der Vetter Just, „das ist immer noch der Richteweg nach Werden. Der Vater Klaus würde sich auch nicht wundern, wenn du ihm noch einmal in seinen Kahn stiegest.“

„Finden wir denn den noch?“ rief ich.

„Es zog ein schlimmes Gewitter damals über den Steinhof, als ihr ihn zuletzt über den Fluß anriefet,“ sagte der Vetter. „Ihr bekamet nur die letzten Tropfen auf dem Wege nach Schloß Werden. Es ist wunderlich; aber auch das kann heute wieder gerade so geschehen. Nun, der alte Charon wird uns wohl sicher übers Wasser schaffen. Es hat sich vieles hier bei uns verändert, Doktor; aber diesen Schiffer findest du auch heute noch an seiner Stelle.“

Eine halbe Stunde später befanden wir uns bereits auf dem Richtewege nach Werden, Irene, der Vetter Just Everstein und ich; — ganz wie damals klares, tiefblaues Himmelsgewölbe über uns, doch weißes Sommergewittergewölk hinter uns im Westen. Nun war es, wie der Vetter am Morgen es als das Beste und Wünschenswerteste und dazu als das Einfachste hingestellt hatte, nämlich, daß sie zu ihm gehe. Und einfach und ganz selbstverständlich erschien es auch jedem; es verlor niemand noch ein Wort darüber. Der Tod ist ein mächtiger Rufer und ebnet Wege und macht Pfade glatt, die eben noch durch berghohe Trümmer der Vergangenheit und unüberwindlich heil Gemäuer der gegenwärtigen Stunde versperrt schienen. Aber so hatte der Vetter Just sich den Weg der Frau Irene zu dem Freunde doch wohl nicht vorgestellt, als er sein ruhiges Wort aussprach!

Rasch und schweigend gingen wir drei unter dem heißen Tage; der erste Schatten auf dem Wege wartete erst jenseits des Flusses in den Wäldern der Heimat, und der Tod hielt dazu seine schwarzen Flügel über alle sonnigen Hügel, Täler und Halden ausgebreitet. Wie damals sahen wir uns nicht einmal nach dem Dunkel um, das in unserem Rücken emporstieg; — noch einmal ein Gewitter auf diesem Pfade! Wo aber führen die Wege der Menschen auf dieser Erde, wo das dumpfe Grollen und Murren von fern her nicht ins Ohr klingt und uns nicht zwingt, rückwärts, zur Seite oder nach dem Ziel vor uns hinzuhorchen?…

„Hol über!“

An dieser Stelle noch alles so wie sonst! Dieselben Wasser, dasselbe Ufergebüsch, dieselben heißen, knirschenden Kiesel unter den Füßen. Und drüben aus dem Buschwerk das leichte Rauchwölkchen aus der Hütte des alten Freundes, und sein Kahn an dem nämlichen Weidenstrunk. Und nur die Wellen rauschten, sonst kein Ton, kein Laut rings umher. Wir hatten unseren Ruf mehrmals zu wiederholen.

„Ein wenig taub ist der Alte allmählich wohl geworden,“ meinte der Vetter, „aber seine Augen sind für seine Jahre noch merkwürdig scharf. Er ist sicherlich nahe an die Achtzig. Guck, Irenes Tuch bringt ihn uns her.“

Wir sahen den Vater Klaus in der Tat jetzt drüben den Uferhang herabkommen. Einen Augenblick stand er zweifelnd und sah zu uns herüber.