„Da kommt nur dreist mit, Vater Klaus,“ meinte Just, „ich stehe für allen Schaden. Wer weiß, welch ein gut Beispiel Ihr uns auf dem Stuhl am Bette geben könnt.“

Aber der Greis schüttelte den Kopf:

„Es geht nicht, und es schickt sich nicht. Seit ich denken kann, ist dies mein Ort, wo ich die Weser, die Schiffe, die Jahreszeit, die Menschen und das Gewölke passieren und bleiben sehe. Es ist nur eine Kabache da im Röhricht, aber doch mein altes festes Nest, und jeder Schritt davon weg ist mir aus der Gewohnheit. Ein alter Kerl bin ich hier geworden, aber als ein ganz anderer Kerl käme ich heute nacht von Werden nach Hause; aber — holla — seht einmal das Gewölk! Das kommt diesmal doch schneller herauf, als ich gedacht habe! Und hör’ einer! da probiert der Herr Kantor auch schon seine große Orgel. Na, na, nun rate ich lieber den Herrschaften, daß sie wieder mal ein Stündchen bei mir unterkriechen und das Schlimmste vorüberlassen.“

Es hatte keiner von uns anderen sich umgesehen, doch jetzt taten wir’s, wie angerufen von dem ersten dumpfen Donnerton von Westen her. Was wir für ein langsam zögernd Schleichen genommen hatten, das war raschester, rasendster Flug gewesen. Das Gewitter war da wie das Schicksal, welches uns auf diesen Weg geführt hatte, und wir standen unter dem Druck des einen nicht anders als unter dem des anderen.

„Ihr Mannesvolk kommt mit der Frau nicht weit in den Wald hinein, und dann müßt ihr doch unter der ersten dicken Eiche zu Schauer gehen,“ rief der Vater Klaus. „Die gnädigste Gräfin oder Frau Baronin muß es mir nicht übel nehmen, sie ist mir, je länger ich sie ansehe, immer noch wie das Kind und junge Fräulein Komtesse von Schloß Werden, und das alte Kesselchen singt noch auf dem alten Herde, Fräulein Gräfin, und ein frisch Paket Zichorien hab’ ich auch von Bodenwerder. Sie haben doch sonst schon vorlieb bei mir genommen, — ach ja, ein bißchen mehr Kinder waren wir dazumalen wohl noch, und die beiden jungen Leute aus dem Försterhause waren dann auch immer dabei. Ich habe es wohl gehört, daß sie alle währenddem mancherlei erlebt haben in der Welt, aber denken kann ich mir’s eigentlich nicht; denn ich selber habe ja nichts erlebt, von welchem ich viel wüßte; außer daß ich ein bißchen älter geworden bin. Der Regen ist schon da; — nun kommen Sie nur noch mal herein zum Vater Klaus — lange anhalten wird’s ja wohl nicht.“

„Ich ginge am liebsten weiter,“ sagte Irene. „Ich möchte so schnell als möglich zu Eva.“

Das ging nun wohl nicht an. Das Unwetter war da, und schon fegte der Regen in Stößen vom jenseitigen Ufer her über den Fluß. Alle lichten Farben wurden zu einem trüben Grau ausgewischt, das Ufergebüsch und Schilf wie von tausend ärgerlichen Fäusten geschüttelt und nach Osten hin zu Boden gedrückt. Auf das Dach der Fischerhütte rauschte und rasselte es nieder, und wir saßen an dem Tage eine gute Stunde an dem Feuerherde des Vaters Klaus, horchten auf den Donner über unseren Köpfen, „warteten das Gewitter ab“ und ließen unserem grauen Fährmann und Gastfreund das Wort. Wie er es führte, hätte wohl keiner von uns etwas Besseres, Unterhaltenderes und Zweckdienlicheres zutage fördern können.

„Ich weiß eigentlich gar nicht, wie ich Sie jetzt nennen muß,“ wendete er sich an unsere Begleiterin. „Am liebsten hieße ich Sie wie sonst: liebes Fräulein Gräfin oder Komtesse; aber das ist es ja wohl nicht mehr?“

„Liebe Frau Irene, Vater Klaus!“ und ganz leise fügte sie hinzu: „Arme Irene! — Ich habe von dem mancherlei, was ich in der Welt erlebte, nichts weiter nach Hause — nach dem Steinhofe gebracht als meinen spottenden Taufnamen. Wer es noch gut mit mir meint, der nennt mich bloß bei diesem. Ich bin eine arme Frau Irene geworden, Vater Klaus!“

Der Alte schüttelte das Haupt: