„Hm, hm, es ist doch sonderbar! Da wo Sie jetzo sitzen, Fräulein Gräfin, da saß gestern gegen Abend mein bester Freund, seit ich denken kann, auch mal wieder! Nämlich der ganze Nichtsnutz von dem Försterhofe in Werden; und ich dachte wirklich zuerst, er sei meinetwegen da; aber er nahm gar kein Blatt vor den Mund, sondern wollte einfach nur von hier aus über die Weser gucken, und als ich ihn dann fragte, wie ich ihn jetzo betitulieren müßte, meinte er gerade so, sein Taufname wäre ihm das Liebste, und weiter hätte er für die hiesige Gegend hoffentlich auch nichts mit aus der Fremde gebracht. Und als ich darauf nicht einging, sondern ihn darauf anredete, daß er ja kurioserweise Schloß Werden käuflich an sich gebracht habe, wurde er auf einmal aus aller Wehmut heraus ganz der Alte und sagte: Klaus, Vater Klaus, zwei Esel haben eigentlich nicht Platz hier im Fischkasten! — Na, das freute mich denn recht, obgleich er eigentlich gleich wieder in seine Trübseligkeit hineinfiel; aber auf dem richtigen Fuß waren wir wieder, und ich habe ihn kurzweg wieder bei seinem Taufnamen geheißen, und dann haben wir, weil eben nicht so ’n Unwetter wie jetzo war, unter unserem alten Strunk gesessen und zusammen über mein Wasser geguckt und wirklich recht vielerlei von — der lieben Frau Irene zusammen gesprochen.“

„Wann war denn dies wohl, Meister Klaus?“ fragte ich mit einem verstohlenen Blick auf die von uns weg in die Tür tretende und die Hand in den jetzt schon leiser rauschenden Regen streckende Frau.

„Nun, ich meine so zwischen sechs und sieben Uhr. Herr Ewald wird wohl erst ziemlich spät in der Nacht nach Hause gekommen sein. Er hatte vor, auf dem Heimwege noch mehr als einen Umweg zu machen. Es sind da eine Menge Örter, die ich noch einmal wiedersehen muß, ehe ich mich wieder auf die Wanderschaft mache, Vater Klaus! sagte er. — Ja, er sprach ein Langes und Breites darüber, wie schlecht es ihm zu Hause gefiele. Und ich denke doch, mein lieber Gott, daß es doch nicht jedermann alle Tage passiert, daß er mit soviel Glück in der Tasche aus der Fremde in das alte Nest fällt wie der. Aber ein aparter Mensch war der immer und schon von Jungensbeinen an. Den Herrn Ewald Sixtus meine ich. Uh, wer so manche Nacht wie der hier bei mir in der Köte gelegen hat und in das Feuer da von all seinen unsinnigen Gedanken und kuriosen Hirngespinsten hineingesprochen hat, den soll der Vater Klaus doch wohl kennen, wenn er als ausgewachsener Mann ebenso wieder daliegt und mit den Funken und Flammen auf meinem Herde mehr spricht als mit mir altem dummen Kerl. Nicht wahr, Herr Vetter Just?“

„Das meine ich auch, alter Freund!“ rief der Vetter mit außergewöhnlicher Energie. „Nun, wie sieht es draußen aus — liebe Frau Irene? Gestern abend, als du mit dem Berliner Doktor da durch die Felder zogest, seid ihr ja wohl auch ziemlich bis hier in die Gegend gekommen? Erzähltest du mir nicht davon, Fritz, als wir heute morgen deinen Schreibebrief nach Werden beredeten? Und von allerhand unsinnigen Gedanken und kuriosen Hirngespinsten hast du mir auch geschwatzt. Und da war doch bloß die Weser zwischen euch und dem alten guten Freunde, dem Vater Klaus. Wenn ich je in der Welt einem so guten Freunde wieder so nahe gekommen bin, dann habe ich ihm immer auch einen Besuch abgestattet!“ …

Die Frau Irene stand noch immer, den Ellenbogen an den Türpfosten der Hütte lehnend. Über den Herd des Vater Klaus sich beugend, flüsterte mir der Vetter Just zu:

„Tausend Schritte weiter und — Hol über!… Deinen Brief behalte ich zum Andenken an diese Tage!“ — — Laut, fast fröhlich rief er dann:

„Du hast noch nicht geantwortet, Irene. Was macht das Wetter auf Erden, und wie guckt der Himmel drein? Ich meine, der Regen läßt doch immer merklicher nach.“

Die Frau wendete sich, und ein Fremder hätte ihr nicht angemerkt, wie schwer jedes Wort, das in dieser Fischerhütte gesprochen worden war, auf ihrer Seele wog, und daß ihr mit Ausnahme dessen, was der Vetter Just leise mir ins Ohr gerufen hatte, keines entgangen war.

„Der Vater Klaus ist ein guter Wetterprophet und hat sich auch diesmal wieder so bewährt,“ sagte sie. „Es war ein rascher Übergang. Vom Steinhof her scheint wirklich schon die Sonne in die Tropfen, und es ist alles gegen Schloß Werden gezogen.“

„Und auch dort wird’s ein Übergang sein,“ meinte der Greis. „Die Berge da machen keine Wetterscheide aus. Was über die Weser ’rüber ist, hat freie Bahn vor sich und mag gehen oder sich verlaufen, wie und wo es will. Da ist weiter kein Aufenthalt mehr. Geschickt wird ja jedes Gewölke, aber dorthinzu ist das denn doch wieder, als ob alles Wetter frei seinem Schicksal überlassen worden wäre, und so weiß nie einer genau, was er davon halten und sagen soll. Es ist eben alles Witterung.“