„Und wir haben unser Teil davon auf uns zu nehmen,“ sagte Irene, dem Fischer die Hand reichend. „So nehmt denn auch heute unseren schönsten Dank für freundlichen Schutz, gute Bewirtung und jedes gute Wort, was Ihr uns gesagt habt, Vater Klaus. Fast ist es doch, als hätten wir ganz vergessen, was uns eigentlich auf diesen Weg getrieben hat. Nun wollen wir aber nur noch an dieses denken und rasch weiter; nicht wahr, meine Herren?! Ich muß zu meiner armen Eva, und es soll mich keine Erdenwitterung mehr aufhalten. Ade, Vater Klaus. Wenn ich zurückkomme, gehe ich nicht über Bodenwerder — Ihr nehmt mich wieder auf in Euren Kahn.“

„Allein oder in Gesellschaft — wie es sich schickt,“ brummte der greise treue Schiffsmann, die kleine zarte Hand zwischen seinen uralten, knochigen Tatzen haltend. „Herrschaften, findet ihr den Förster noch, so grüßt ihn von mir; — auf einen Hasen legt da dem lieben Gott sein Jägersmann nicht an; also sprecht’s ihm nur dreiste heraus, daß ich fest auf ihn rechne, was das Quartiermachen anbetrifft. Finden Sie ihn nicht mehr, Herr Vetter Just, und Sie, Berliner, na so brauchen Sie auch nichts an ihn bestellen, sondern nur gut mit den zwei jungen Leuten umzugehen. Ich finde meinen Weg schon. Adjes alle! Es ist mir, abgesehen von dem schlimmen Malheur, eine große Freude gewesen.“

Wir traten heraus aus der Hütte in das letzte, jetzt auch schon auf diesem Ufer der Weser von der Sonne durchflimmerte Gesprühe des Sommergewitters und atmeten aus tiefster Brust wohlig auf; ich aber vernahm noch, wie der Meister Klaus, den sehr schlimmen Tabak in seiner kurzen Holzpfeife niederdrückend, brummte:

„Jawohl, am Ende läßt sich doch niemand recht Zeit, als solch ein alter Fischersmann, der da weiß, daß die Fische nicht zu jeder Stunde beißen, und der mit den Reusen umzugehen weiß, und weiß, daß alles erst zu seiner Zeit kommt; aber dann auch ganz richtig und auf den Punkt. Ja, ja, lauft nur zu; — ich hab’ euch ja schon gefahren, als ihr noch in euren Kinderschuhen liefet.“

Ich winkte ihm darob noch einmal lächelnd zu:

„Und es ist Eure feste Meinung, daß wir noch immer darin laufen, Vater Klaus?“

„Das werde ich mir doch wohl nicht herausnehmen,“ rief der Alte grinsend mir nach. „Aber eine hübsche Luft wird es immer nach solch einem Gewitter, Herr Langreuter; und die paar Tropfen, die Sie jetzo unterwegs noch auf den Pelz kriegen, die können Sie sich darum schon gefallen lassen; und, lieber Herr Fritz, bei Gelegenheit fragen Sie nur ganz dreist den Herrn Ewald danach, was gestern meine Meinung gewesen ist.“

Nun glänzte und rauschte auf Stunden Weges um uns und über uns der erfrischte Hochwald. Die großen gelben und schwarzen Schnecken krochen auf allen Pfaden; Menschen begegneten uns nicht. Wir gingen stumm zu, und nur wenn wir an einer außergewöhnlich schlüpfrigen und steilen Stelle unserer Begleiterin die Hand boten, sprach sie ein leises Dankeswort. Und wieder einmal lag, als wir endlich aus dem Walde hervortraten, Schloß Werden zu unserer Rechten im Sonnenuntergangsglanze da, und das scheidende Licht blitzte rot aus den hohen Fenstern des Oberstockes uns entgegen. Ich sah mit einigem Bangen auf die bleiche Frau mir zur Seite und fing einen ganz ähnlichen Blick des Vetters Just auf. Doch Irene Everstein sah nur einmal ganz fest und kurz nach den Giebeln des väterlichen Hauses und schritt dann gesenkten Hauptes rascher zu auf dem Wege gegen das Dorf. An dem ersten Hofe schon erfuhren wir von einem Kinde, daß der Herr Oberförster tot sei; und ein junges Mädchen, das am Gartentor strickte, bestätigte die Nachricht und fügte hinzu: „Gerade, als das Unwetter anging.“

Wir gingen nun durchs Dorf. Alle Leute vor den Türen grüßten uns herzlich, aber still. Auf Irene sahen sie scheu und steckten nachher die Köpfe zusammen und flüsterten miteinander. An den Vetter Just trat hier und da einer heran und gab ihm die Hand: „Also Sie haben es auch schon vernommen?“ — Jeder aber sprach viel leiser, als es sonst dort die Gewohnheit des Ortes ist.

„Und der junge Herr Sixtus? und Fräulein Eva, Gevatter Reitemeyer?“