„Aus Zorn und Mitleid, Ewald Sixtus!… O Eva, Eva, liebe, liebe Schwester, behalte mich bei dir unter deines Vaters Dache diese Nacht!… Nein, nein!… Just, o lieber Just, wie bin ich nur hierher gekommen? wo soll ich bleiben?“

Zum ersten Mal in dieser treuen, wahren Lebensgeschichte klang die Stimme des Vetters ärgerlich, ja fast böse, als er sich erhob und sagte:

„Bei mir — Just Everstein! Eine Nacht geht bald vorüber. Auf Schloß Werden, Gräfin Irene Everstein! Ich schaffe dir in dem alten Spuknest als alter amerikanischer Hinterwäldler und Baumfäller ein Strohlager und ein Bund Heu unter den wilden Kopf. Kommt herein zu dem Vater; Eva hat zwei Lichter neben sein Bett gestellt, wir wollen dabei den Kauf richtig machen, Ewald! Ich, Just Everstein vom Steinhofe, bin hiermit Eigentümer und Herr von Schloß Werden!“ …

Es ist nicht die Kraft, es ist die Angst des gefangenen Edelfalken, die das Schreckliche ist und das Publikum vor den Gittern des Käfichts am meisten interessiert; ich aber verspüre an dieser Stelle am allerwenigsten das Bedürfnis, die Frau Baronin Rehlen interessant zu machen durch ihr Flattern und Flügelschlagen. Habe auch kein Recht dazu.

Wir gingen wohl zu dem toten Vater hinein, aber nicht um einen Handelskontrakt neben den zwei Lichtern, die sein stilles, friedliches, freundliches Greisengesicht beleuchteten, abzuschließen. Irene stand an Ewalds Schulter gelehnt, von seinem Arm umschlungen, und weinte leise und flüsterte:

„Kannst du mich denn noch lieb haben?“

Er war unverbesserlich, der brave Freund Ewald Sixtus! er hätte wirklich schon von Geburt aus als Irländer in diese nüchtern-tragische Welt hineingesetzt werden sollen.

Dem Weinen war er gleichfalls näher als dem Lachen, und seine Stimme zitterte gleichfalls, als er an dem Sterbelager seines Vaters seine Liebe fester an sein Herz zog; aber doch mußte es heraus und kam ganz in der alten Dummen-Jungen-Weise:

„Ich kriege dich ja nur in den Handel, altes Mädchen! Aber — bei den ewigen Göttern, die mir wahrhaftig den Weg bis zu dir schwer genug gemacht haben — den Vetter Just halte ich bei seinem Worte! Wir beide, mein Herz, mein liebes, liebes Herz, wir sehen uns nicht mehr um nach Schloß Werden; aber der Vetter da, — der Vetter Just Everstein, der war von Gottes Gnaden allewege der Gescheiteste von uns und hat mit unserer Schwester da allein die Gabe, alles ruhig abzumachen. Du und ich, mein Herz, wir haben nur einmal den Versuch gemacht. Die beiden müssen für uns mit wissen, was mit Schloß Werden anzufangen ist!“

Von Schloß Werden wurde nun nicht mehr gesprochen bis zum anderen Morgen, und dann zwischen dem Vetter Just und mir. Wir verbrachten alle diese Nacht unter dem nämlichen Dache; doch wohl keiner von uns in einem sehr festen Schlaf. Auch ich nicht, der ich in jedem Augenblick vorgeben konnte daß wichtigste, unaufschiebbare Geschäfte mich augenblicklich nach Berlin zurückriefen und meine Gegenwart bei dem Begräbnis — bei dem Schmerz und dem Trost der alten Heimat unmöglich machten.