Auf dem Wege? O ja, wenn nur nicht die Umwege gewesen wären! Wann sind wir damals unseren Angehörigen je anders als auf Umwegen zu dem Vetter durchgegangen? Gab es aber überhaupt noch eine andere Gegend, die „vier dumme Krabben“, wie der Vater Sixtus sich auszudrücken beliebte, — in gleicher Weise zu Dummheiten und auf Seiten- und Schleichpfade zu verlocken imstande war?
Für uns nicht; wenn mich gleich das Leben gelehrt hat, einem jeden das Recht unverkümmert zu lassen, das theatrum mundi seiner Jugend in gleicher Weise allen anderen Feldern und Wäldern, hier den Fichten und dort den Palmen, wehmütig und freudig vorzuziehen.
Nach rechts und links, im Schatten und Licht, im Trocknen und Feuchten lockte es, und natürlich da immer am verführerischsten, wo das Dickicht am verworrensten war, wo Berg und Fels am steilsten sich erhoben und wo der Bach am mutwilligsten durchs Tal schäumte. Wann hätte zur Zeit der Kibitzeier die Komtesse jemals eine Gelegenheit, bis an die Kniee im Sumpfe zu versinken, verabsäumt? Wann hätte Ewald Sixtus je ein heiles Knie einem zerschundenen, eine ganze Hose einer halben vorgezogen?
Und dann die Jahreszeiten, die wir zählten durch die Schneeglöckchen, die Maiblumen über die Erdbeeren weg bis in die Brombeeren und den Dohnenstieg! Auch ich habe damals mit den anderen gelacht, wenn die liebe Eva ein bitteres Tränchen über die armen erhängten Krammetsvögel vergoß und den Sack nie tragen wollte, der die gefiederte Jagdbeute enthielt.
„Wenn sie sie in der Schüssel auch nicht riechen könnte, so wollte ich gar nichts sagen,“ brummte Ewald. „Dich meine ich nicht, Irene; aber so seid ihr Frauenzimmer! Nicht wahr, Fritze, wir genieren uns nicht:
Was ich gebraten sehen kann,
Seh’ ich nie als ’ne Mordtat an!
Also ist die Reihe an dir, den Ranzen zu schleppen, Irene. Immer galant gegen die Damen! sagt Mamsell Martin; wenn es wieder bergan geht, nimmt ihn Fritzchen dir ab. Aber Riesenkreaturen haben wir diesmal, was?! Es ist wahrhaftig ein Spaß, was für eine Menge unschuldig Blut so’n paar rote Vogelbeeren an den Galgen bringen! Nicht wahr, Eva?“
„Famos!“ ruft die Komtesse hochrot, zerzaust und glühend vor Jagdlust; und der Herbstwind fegt und rasselt durch den Niederwald und treibt ihr die blonden Locken über das Gesicht und — treibt mich zurück in den Sommermorgen, den ich immer von neuem unter der Feder weg verliere, um mich immer wieder zu ihm zurückzufinden.
„So? haben sich die beiden Puppen noch herangefunden?“ fragt Ewald grinsend, als seine Schwester und ich ihn und die Gräfin unter den Bäumen des Waldes wieder einholen. „Das ist schön! Nun haben wir auch die Tugend und die Vorsicht in der Bande, und nun kann’s losgehen! Was an mir in Fetzen heute davonfliegt, das flickst du zusammen, Evchen. Für die schändlichen Redensarten, die heute abend über Irene losgelassen werden, bist du vorhanden, Fritzchen. Und nun rasch weiter; — deine Alte merkt wahrscheinlich jetzt schon Unrat, Fritz, und hängt schon an der Sturmglocke —“