Sie hatten vom Walde, dem großen Walde, her gerufen; und hinter dem Walde saß der Vetter — der Vetter Just Everstein; und wenn es für Namen kein besser Sieb gibt als ein Konversationslexikon in der Reihenfolge seiner Auflagen, so ist es sehr schade, daß der Vetter durch einen der gewöhnlichen Zufälle nicht hineingekommen ist. Er gehörte von Rechts wegen hinein, und von Gottes Gnaden darin zum eisernen Bestande irdischen guten Gerüchtes.
Jenseits unseres Waldes und jenseits des Flusses hatte sich da eine Seiten-Seitenlinie des Geschlechtes derer von Everstein allgemach von Generation zu Generation, von Glückswechsel zu Glückswechsel in den Bauernstand zurückverloren. Schon vor hundertundfünfzig Jahren, gerade als eben dem Bruchteil von Adams Geschlechte auf Schloß Werden das Grafentum als höhere Betitelung von oben zufiel, hatten die Vettern drüben den letzten Ring, der sie an den Adel des deutschen Volkes knüpfte, fallen lassen. Das Wörtlein Von war ihnen abhanden gekommen, wie ein Taler in die Stubenritze rollt. Sie wußten selber nicht recht anzugeben, wie es eigentlich zugegangen war.
„Das einzige, was ich gewiß darüber weiß, ist, daß wir damals scheußlich auf dem Hunde waren,“ sagte der Vetter Just. „Was will ein Kotsasse, dem der Siebenjährige Krieg die letzte Kuh aus dem Stalle holt, mit einem adligen Wappen über seiner Stalltür? Sich bei den anderen Bauern und alle Abend im Kruge lächerlich machen? Das kann er! Siehst du, Fritze, das ist eben die Sache beim Kriege, daß er den einen zum kaiserlichen Feldmarschall-Leutnant macht, wenn’s beim anderen um die letzte Kuh gilt. Studiere du deine mittelalterlichen Geschichtsquellen ruhig weiter; aber meine laß mir lieber doch unaufgerührt. Ich meine, der alte Brunnen kommt immer doch noch klar genug aus der Tiefe in die Höhe. Nur immer kühl und klar, das ist die Hauptsache; am Ende bleibt alles, was dem Menschen überhaupt auf dieser Erde passieren kann, in der Verwandtschaft, und das ist ein Trost; — nicht etwa?“
„Jawohl! jawohl!“ holte ich die Antwort tief aus der Seele herauf. Das war aber alles nicht an dem Morgen, an dem wir wieder einmal von dem Nußbaum zum Vetter Everstein jenseits des Flusses „durchgingen“, sondern lange, beschwerliche Jahre später. — Der Nußbaum oder die Nußbäume waren damals längst ebenso unmotiviert umgehauen worden wie die, welche den Legationssekretär Werther in solche Wut gegen die neue Frau Pfarrern zu St. brachten: — „wie kühn und wie herrlich die Äste waren!… Abgehauen! Ich möchte rasend werden, ich könnte den Hund ermorden, der den ersten Hieb dran tat!… Siehst du, ich komme nicht zu mir!… O, wenn ich Fürst wäre! Ich wollt’ die Pfarrern, den Schulzen und die Kammer — — —“
Eine neue Chaussee führt über die Stelle weg, wo meine Nußbäume standen, und wer weiß, wie bald auch über diesen Weg sich ein Eisenbahndamm hinlegt und wie bald die Personen- und Güterzüge vom und zum Rhein über die Stätte brausen und keuchen. Es ändern sich stets die äußerlichen Umstände, unter denen die Natur und der Mensch ihren Adel gewinnen oder verlieren!…
„Passierte es nur einmal, so wäre es freilich schlimm,“ sagte der Vetter Just. „Aber da es immerdar sich so ereignet hat und sich auch fernerhin nicht anders machen lassen will, so stelle ich mich auch hier auf den Fuß der Philosophie, nachdem ich mich geärgert habe.“ Das sagte er aber von den Nußbäumen.
Selbst auf die Vetternschaft mit dem vornehmen Schloß Werden erhuben die Mannen jenseits des Flusses ihrerseits nicht den geringsten Anspruch mehr. Der „Vetter“ war auch eigentlich nur dem gegenwärtigen letzten Sproß der Familie angehängt worden und zwar von der Gegend. Es war so etwas von der „Vetter-Michelschaft“ dabei, aber im besten und vergnüglichsten Sinne.
„Gestern abend war Vetter Just da!“ war ein Wort, das einen ungemein behaglichen Klang weit umher in jedem Hause hatte.
„Wenn ich nur wüßte, wie es mit dem Kerl zuletzt einmal zu Ende gehen wird!“ war dann freilich ein Nachklang von etwas bedenklicherer Tonfarbe; allein es waren immer nur die Urverständigsten im Lande, die sich also achselzuckend äußerten, und was überall in der Welt auf deren Bedenken und heimtückisch-wohlwollende Sorglichkeit für den lieben Nächsten zu geben ist, das weiß man; — ich wenigstens weiß es. Ist es nicht leider meistens der Verstand der Verständigen, bei dem sich am liebsten die Schadenfreude hinter dem freundschaftlichen, sorgenvollen Nachdenken und teilnehmenden, bedauernden Kopfschütteln versteckt?
Welch ein Glück ist es da, daß wir soeben erst aus unserem Nußbaum in den Sonnenschein auf der morgendlichen, glitzernden, grünenden, blühenden Kindheitswiese hinuntergepurzelt, geglitten und gehüpft sind und uns immer noch, unverständig und sorgenlos, mit dem allermöglichst wenigsten Nachdenken über uns selbst und den Vetter Just Everstein auf dem Wege zu diesem Vetter befinden!