„Na, aber Fritze, dein zarter Teint!“ grinst Ewald. „Nun guckt nur, ob seine liebe Nase bei der Temperatur nicht schon abblättert wie eine Zwiebel. Von euch zwei Backfischen sage ich gar nichts; denn ihr seid ja ganz in eurem Elemente, und übrigens wird es euch auch Fritzchens Mama heute abend schon sagen, und morgen früh noch einmal.“
Die beiden Mädchen unter ihren breiten Sommerstrohhüten glühen freilich wie die Pfingstrosen; aber von der unbekannten Leiche, welcher neulich unser alter Fährmann in Bodenwerder allein das letzte Ehrengeleit zu Ehren seines Flusses gab, ist nicht weiter die Rede. Wir landen auf dem anderen Ufer, der Vater Klaus bekommt seinen Fährlohn und ruft uns nach:
„Also auf das schriftliche Attestat verlasse ich mich. Nachher wünsche ich mir nichts Besseres als die junge Herrschaft bei mir zu Gaste, wenn mal der Mond voll im Kalender steht und der Fisch zutunlich gewesen ist. Und mitsingen tu’ ich auch. In meinen jungen Jahren habe ich immer über der Bratpfanne alle hübschen jungen Mädchens hüben und drüben in den schönsten Liedern vom Jahrmarkt mit besungen.“
Es schlägt eben in der Ferne, in Bodenwerder, elf Uhr, als wir lachend, die Mützen und die Taschentücher schwenkend, unseren Weg auf dem Schifferpfade durch Weiden, Röhricht, über die harten Kiesel und Flußmuscheln fortsetzen stromabwärts.
Unser grauer Charon bleibt noch eine ziemliche Weile auf seine Ruderstange gelehnt stehen und sieht uns nach — lächelnd, kopfschüttelnd und eine Prise nehmend. Er hat zu allen diesen drei Äußerungen seiner Meinung und Ansichten über uns vollkommen die Berechtigung und braucht sich nicht im geringsten auf irgend etwas Schriftliches einzulassen.
Siebentes Kapitel.
Es ist, als schwände der Vetter in immer unbestimmtere, idealere Ferne. Aber wir erreichen ihn und das Seinige doch; und wenn wir ihn haben werden, so wird er hoffentlich um so näher zu Sinn und Herzen wirken und also in der einzig wahren Weise ganz realistisch da sein. Mein Wort darauf, wir wissen Bescheid und stehen mit den echten Wirklichkeiten oder Realien in dieser Welt auf ganz gutem Fuße und verkehren miteinander nicht bloß in Schlafrock und Pantoffeln — denn das will nicht viel bedeuten! — sondern auch dann und wann im Fest- und Feiertagskleide, und das will viel sagen!
Nun quer landein durch die Sommerglut! Wir haben jedoch glücklicherweise nur noch eine kleine halbe Stunde zu marschieren, bis wir den Steinhof erreichen, und wir legen den Weg nunmehr rasch genug zurück, denn jetzt hält uns nichts mehr auf demselbigen auf. Die Mädchen wollen zwar anfangen, ihre Füße nachzuziehen; aber Ewald, im kurzen Trabe sich zu mir wendend, meint grinsend:
„Jetzt ist es ein wahres Glück, daß sie ihren Magen gerade so gut als wir spüren, sie drehten sonst richtig noch um und gingen nach Hause. — Alle Donner, Rührei und Schinken, Kinder, ich sage euch, so fressig wie jetzt ist’s mir — seit gestern mittag noch nicht im Leibe zumute gewesen! Ho, jetzt will ich nur wünschen, daß dem Vetter diese letzte Nacht recht lebendig von mir geträumt hat und er sich wenigstens annähernd anständig auf die Visite eingerichtet hat. Nun, Leute, im Notfall steigen wir ihm selber in die Rauchkammer und brechen ihm wie Schillers ganze Bande in seine Würste ein. Die anderen Stücke von ihm, ich meine Schillern — kann er ja dann derweilen mit euch herdeklamieren. Von mir weiß ich Bescheid und sage, erst essen, und zwar ordentlich, und dann meinetwegen soviel Poesie und Geschichte und Philosophie und Ästhetik, als ihr wollt und leisten könnt. Was sagst du, Fräulein Gräfin?“
„Nach dem Essen! In dem Grasgarten im Grase und im Schatten. Laß aber jetzt nur das lange Reden, die Sonne sticht zu arg. Evchen, ach Gott, am besten ist’s, man macht die Augen zu und läuft zu und denkt sich lang hin in das Gras in dem Grasgarten unter den großen Birnbaum.“