„Siehst du! Und heute abend müssen wir auch wieder nach Haus. O, ihr habt ja nicht auf mich hören wollen!“

„Mit einer Mamsell wie du drei Schritte über die Gartenhecke hinaus spazieren zu gehen, ist wirklich ein Pläsier,“ brummt Ewald halb höhnisch, halb verdrießlich.

Wäre der Weg noch eine Viertelstunde länger, so ist nicht abzusehen, wie tief unsere Stimmung noch sinken könnte. Das ist die gewichtige Viertelstunde, auf die es in so vielen Erdenlagen und Stimmungen ankommt zu unserem Behagen oder Elend. Wir haben diesmal glücklicherweise nur noch fünf Minuten in einem steinigen, holprichten, ausgefahrenen Feld- und Hohlwege zurückzulegen, um wieder auf allen Höhen unseres jungen, taufeuchten Sommer- und Sonnenrausches festen Fuß zu fassen.

„Hurra, der Steinhof!… Vivat der Vetter Just Everstein!“ — — —

„I, i, wat kümmt mi denn da?“ sagte der Vetter. „Das ist aber schön! I, siehst du wohl, hier sitze ich nun schon den halben geschlagenen Morgen und warte auf Trost. Da kommt er mir vierspännig, gerade als ich denke: Just, jetzt gehst du zum Essen, ohne daß sie Dich suchen, sonst gibt es noch mehr Spektakel und Unfrieden auf dem Hofe, und du hast gerade genug für heute davon.“

Er saß wirklich auf einem Stein am Wege unter einem Dornbusch, außerhalb seines Erbsitzes, dieser kuriose Vetter; und als er damals aufsteht und gähnt und grinst und sich reckt und dehnt, ist er ein lang aufgeschossener Junge von nicht ganz zwanzig Jahren. Ein vollkommener, aber aus allem rund um ihn und an ihm herausgewachsener Junge. Daß also alles, was aus ihm noch werden kann, augenblicklich noch in ihm steckt, ist sicherlich etwas, was nur sehr wenige meiner fraglichen Leser vermuteten. So einer, der etwas selber erlebt und erfahren hat, ist immer klüger als derjenige, welchem er nachher davon erzählt.

„Holla, was schiebst du in die Tasche, Vetter? Richtig, da sitzt er in der Sonne und verstudiert sich weiter! Zeig gutwillig oder ich ziehe dir mit der Jacke das Fell vom Leibe!“ ruft Ewald. „Kinder, jetzt macht er auch Verse!… Gedankenspiele beim Pflügen!… Als Hannchen in die Flachsrotte fiel!… Und da hat er den alten Urlateiner, Vater Broeder, auf dem Feldsteine warm gesessen. Ei, guck mal, Fritze, gerade wie wir auf dem dummen Gymnasium! Was nicht von oben in den Kopf will, dem kommt man viel bequemer mit einem anderen Körperteile bei. Hat jemals jemand so einen verrückten Kerl erlebt? Es ist doch reinewegs nicht zu glauben, was die Menschheit alles leisten kann. Und dann möchte man sich da nicht die Haare darüber ausraufen, daß man nicht die Häute mit seinem Nebenmenschen austauschen kann? O ihr gottverdammten Götter von Rom und Griechenland, was gäbe ich dafür, wenn ich der Bauer auf dem Steinhofe wäre und dieses urverbohrte Monstrum mit seiner lateinischen Grammatik hier ich!“

„Jetzt höre auf, oder du wirst langweilig, Ewald!“ rief Irene Everstein. „Kommen Sie, Vetter Just, und hören Sie nicht auf den albernen Bengel —“

„Und du bist doch nicht böse, daß wir schon wieder da sind, lieber Just?“ fragt Eva. „Die beiden Jungen sind schuld daran, ich wollte eigentlich nicht mit —“

„Und wenn sie alle im Grasgarten im Grase liegen und schnarchen, dann sitzen wir beide wach zusammen, Just!“ sage ich; und der Vetter, blöde, freundlich, seelenvergnügt und nicht „urverbohrt“, sondern urverschämt sein glänzend Gebiß im Kreise herum zeigend, steht in unserer Mitte; und es hat gewiß selten einen anderen Menschen gegeben, der sich so wenig wie er um diese Lebenszeit gegen Güte und Bosheit der Welt zu wehren wußte.