Gottlob kommt ihm auch jetzt ein Trost und eine Hülfe aus der Ferne her, nämlich vom Zaun des Steinhofes.

„Da ruft sie zum Essen! und wir haben gestern ein Rind — ich will lieber nicht sagen gegen meinen Willen, sondern wegen Futtermangel, wie sie sagt, geschlachtet. Und jetzt kommt nur rasch; ihr kennt sie ja!“

In Bodenwerder wird es wahrscheinlich gerade zwölf Uhr schlagen. — — —

Es ist ein schlechter Boden, sagten die Leute, die sich darauf verstanden, von dem Steinhofe und der dazu gehörigen Länderei, und sie konnten nichts dafür, wenn sie es nicht ahnten, was für Prachtgewächse dieser schlechte Boden hervorzubringen vermochte. Es war Jule Grote, die über den Zaun rief, und zwar mit einer Stimme, in die der Himmel alles Gift, was er eben vorrätig hatte gegen die irdischen Zustände, hineingelegt zu haben schien.

Ich kenne es heute viel besser als damals, das gute alte Mädchen nämlich, und weiß, was der Vetter an ihr hatte. Er weiß es ebenfalls heute besser als damals. Damals, das heißt an jenem Tage, schob er uns sich voran auf dem Feldwege durch den kärglichen Haferacker und brummte:

„Ich komme mit; aber, Kinder, ich sage euch, gerne wäre ich heute allein nicht nach Hause gegangen! Es ist alles mal wieder vom frühen Morgen an kopfüber kopfunter gegangen, und ich bin an allem schuld gewesen. Ach Gott, ach Gott, wo ich meine Hände habe, soll ich meinen Kopf haben, und wo ich meinen Kopf habe, da will sie meine Hände sehen. Und dann soll ich meine fünf gesunden Sinne zusammennehmen und bedenken, wozu mich der liebe Herrgott in die Welt und hier auf den Steinhof hingesetzt hat. Und wenn sie nur wüßte, wer ihr all das Elend mit mir eingebrockt hat, sagt sie. Es muß wohl von weit her kommen, meint sie, und das ist das einzige, was sie darüber weiß; und ich, Fritz, ich weiß auch nicht mehr. Sie hat doch meinen Vater gekannt, und meinen Großvater dunkel: von den Zwei habe ich es wohl auch etwas, aber nicht ganz, sagt sie, wenn ihr die Hände anfangen vor Ärger zu zittern, und sie mit der Schürze vor den Augen abgeht und ich auch und ihr doch nichts in der Wirtschaft in den Weg lege, sondern sie mit der Vormundschaft ruhig regieren lasse hier auf dem Steinhofe. Und denn werde ich doch auch erst nächste Ostern übers Jahr mündig und mein eigener Herr!“

Mit einer uns an ihr ganz fremden Grazie schiebt Irene Everstein ihren Arm in den des armen Teufels und sagt:

„Bitte, Herr Just!“

Das war ganz und gar meine Mutter in ihrem Verkehr mit ihrer Umgebung; aber bei meiner Mutter hatte ich noch nie darauf geachtet, wie vornehm sie mit den Leuten umzugehen wußte.

In diesem Moment aber war es natürlich Herr Ewald Sixtus, Untersekundaner usw., der’s bewies, wieweit man mit einer guten Lunge und mit zärtlich tuender Unverschämtheit in der Welt reicht. Mit der ersten erschütterte er durch einen Jubelschrei die Lüfte auf eine Viertelstunde im Umkreis, mit der zweiten sprang er über den Zaun des Steinhofes und hing sich der braven Jungfer Grote an den Hals: