„Da sind wir wieder, Jule! Sehen Sie, so wird die Sehnsucht endlich doch belohnt! Wie lange stehen Sie denn schon hier und gucken nach mir aus über die Planken, Mamsell Grote? Komm her, Fritz, und gib Pfötchen. Gibt sie dir aber auch einen Kuß, so morde ich dich heute abend auf dem Rückwege. Lebendig kommst du dann nicht wieder auf Schloß Werden an. Und nun rasch, Jule, Sie wissen es, daß Sie für mich zum Fressen sind! Rasch — jeder holt sich Messer und Gabel und seinen Teller selber aus der Küche.“
„O herrje, herrje — und die jungen Damens auch wieder!“ rief die wackere Haushälterin und Vormünderin auf dem Steinhofe, ächzend sich aus den Armen ihres stürmischen Verehrers und zweiten Lieblings frei machend. „Ich habe es seiner Mutter im Kindbett und Totenbett versprochen, daß ich solange bei ihm aushalte, als er mich bei sich behält!“ sagte sie von ihrem ersten Liebling — dem Vetter Just Everstein.
Nun bekommt Eva Sixtus eine bewillkommnende Hand und dann Irene auch; letztere aber erst, nachdem diese Hand vorher noch einmal in der blauen Kattunschürze unnötigerweise abgetrocknet und abgewischt worden ist.
„Aber das ist mal schön! Nehmen Sie es nur nicht übel; aber es ist mein Schicksal! jedesmal, wenn wir die Ehre haben, haben wir gemistet auf dem Steinhofe, und ist der Herr Just den ganzen Morgen durch nicht aufzufinden und abzurufen gewesen. Ich brauche nur am Abend zu sagen: Just, jetzt paßt du mir aber auf die Gottesgabe morgen früh, so geht er durch mit seinen Lateinbüchern, und ich sitze allein mitten drin in der Wirtschaft und den Tagelöhnern. Was daraus werden soll, weiß ich nicht; na, aber Essenszeit ist’s freilich jetzo längst, und nächste Ostern übers Jahr wird er einundzwanzig alt und sein eigener Herr. Ach Gott, gnädigstes Fräulein Gräfin, Ihr Herr Vater sollte nur einmal einen einzigsten Tag lang an meiner Stelle sein! Und — Ihre Mutter auch, Herr Langreuter, aber davon will ich weniger sagen, denn die ist ja auch ein Frauenzimmer und hat das Ihrige durchgemacht in ihrem eigenen Haushalt und bei anderen Leuten.“
Achtes Kapitel.
Wie viele schöne, geistreiche, vornehme Menschen habe ich auf meinem Lebenswege kennen gelernt!
Auf die körperliche Schönheit am Menschen achte ich sehr genau und mit größester Teilnahme und bin noch heute imstande, einen ziemlichen Umweg zu machen, um ihr in den Gassen und Häusern begegnen zu können. So bin ich zu der festen Überzeugung gelangt, daß ihrer nicht weniger wird in der Welt.
Geist ist im Überfluß vorhanden. Dies weiß ja ein jeder selbst am besten. Wer glaubt nicht, von seinem Überfluß an Tausend und aber Tausend reichlich abgeben zu können?
Von der Vornehmheit brauche ich eigentlich gar nicht zu reden. Ich habe da nur sehr wenige kennen gelernt, die sich in ihrem innersten Herzen nicht zum allerhöchsten Adel der Schöpfung rechneten und jedwede Vernachlässigung, ein jeglich Übersehenwerden dieser schmeichelhaften, aber wahren Tatsache nicht mit den grimmigsten Zügen in das goldene Buch ihrer Selbstschätzung eintrugen. Und je kälter sie dabei lächelten, desto schlimmer war’s für den schnöden, mehr oder weniger unbewußten Gleichmacher. Er sank jedenfalls sehr tief in ihren Augen und sofort unbedingt aus allem Anrecht auf irgendwelche Berücksichtigung ihrerseits vollständig heraus. Und das war recht — ist recht und — wird recht bleiben; denn es ist allzu angenehm und kitzelt zu süß um das Zwerchfell herum, um jemals von uns als Recht aufgegeben zu werden.
Nun hinke ich hier durch den kümmerlichen Hafer seines Feldes hinter dem Vetter Just her. Hübsch ist er nicht, schön noch weniger. Geistreich hat ihn noch niemand genannt, und was seine Vornehmheit anbetrifft — nun, so hat er es ja selber gesagt, daß er mit dem etwas recht fraglich gewordenen Wappen seiner Ahnen über seiner Stalltür nicht das mindeste mehr anzufangen wußte.