Was ist es nun, das diesen lang aufgeschlodderten, wehleidig-verblüfft um sich stierenden großen Jungen uns als ein Ideal alles dessen, was die Jugend lieb hat an der Sonne, der Erde, den Weibern, den Professoren und den Königen, hinstellte?

Eine ganz einfache Sache; nämlich, daß er von allen diesen schönen und herrlichen und großartigen Dingen und Wesen etwas an sich hatte, und zwar das, was die Jugend am ersten und mit der glücklichsten Bewunderung aus ihnen herausfühlt. Die, welchen das zu hoch klingt, haben nie zwischen dem vierzehnten und fünfzehnten Lebensjahre an einem Julitage auf der Erde lang ausgestreckt gelegen und, die Hände unter dem Hinterkopfe, sich — die Sonne ins Maul scheinen lassen, wie die Redensart lautet. Sie haben nie die Großmutter am Winterofen erzählen hören und sie nachher auf dem Sterbebette gesehen; sie haben nie die Wellen rauschen hören, die Aphrodite gebaren; und auf das Rauschen und Leuchten der hellen Sommerkleider im Walde hinter ihnen haben sie auch wenig geachtet. Ihnen hat es, was die Gelehrten anbetrifft, nie imponiert, was die verrückten Kerle im Laufe der Jahrtausende alles möglich gemacht haben. Ganz umsonst für sie ist Alexander von Macedonien bis zum Indus vorgedrungen und hat sich von dem König Porus durch Heldenhaftigkeit gutwillig besiegen lassen. Heldenhaftigkeit ist nicht in ihnen; sie haben nie die Lebensbeschreibungen des Plutarch unter das Kopfkissen gelegt oder die Kirschblüten im Garten auf sie niederfallen lassen.

Heldenhaftigkeit, und somit die Sonne, das Geheimnis und Wunder der Erde, das Weib und die Wissenschaft steckten in dem Vetter Just Everstein:

„Das ist ein ganz drolliger Patron!“ sagten diejenigen, welche es immerhin noch ganz gut mit ihm meinten und ihre wahre Meinung über ihn nicht zu schroff äußern wollten.

„Kennen Sie diesen schnurrigen Kauz, den sogenannten Vetter Just noch nicht?“ fragte sich die Gegend weit umher und fügte, ohne die Antwort abzuwarten, hinzu: „O, dann lernen Sie ihn doch ja recht bald kennen; es wird Sie nicht gereuen.“

„Düt is ’nen ganz verrückten Minschen,“ meinte der zum Steinhofe gehörige Teil der in diesem Augenblicke in diesen Memorabilien um den Eßtisch auf dem Steinhofe versammelten Tafelrunde. Die das sagten — die Knechte, Mägde und Tagelöhner des Steinhofes —, hatten recht, vollkommen, zweifellos recht: der Vetter Just Everstein war ein ganz und gar verrückter, das heißt ihnen und noch vielen anderen gänzlich ins namenlose Weite entrückter Mensch.

Es war eine Bauernstube der alten, rechten Art, in der wir uns jetzt mit zu Tische setzen. Und es ist der richtige alte Tisch mit den richtigen Näpfen und Schüsseln darauf. Es hat seit dem Jahre 1838, in welchem Jahre der Freiherr von Münchhausen seinen Gastfreund, den Baron Schnuck-Puckelig-Erbsenscheucher, in der Boccage zum Warzentrost als Syndikus bei seiner Luftverdichtungs-Aktienkompanie anstellte, manch liebes Mal mehr Voll, ein Viertel, Halb und Dreiviertel auf dem Kirchturme von Bodenwerder geschlagen. Der Fortschritt ist wieder ungeheuer gewesen; unsere Bauern sind die „Herren Ökonomen“ geworden und gründen längst selber Zuckerfabriken und Luftverdichtungs-Aktiengesellschaften. Ihre Jungfern haben sich „mamsellen“ lassen und werden Fräuleins genannt. Fräulein Emerentia von Schnuck-Puckelig ist eine Wahrheit geblieben; aber die Tochter vom Oberhofe ist zu einem schönen Phantasiebild geworden: der treue Eckart — diesmal Karl Leberecht Immermann genannt — hat wieder einmal vergeblich am Wege gestanden und warnend die Hand erhoben. Wir haben uns ein Unterhaltungsstücklein aus seinem weisen, bitterernsten Buche zurecht gemacht; — kehren wir rasch auf den Steinhof zurück. Was bleibt auch mir anderes übrig, als mir heute aus den Zuständen der Vergangenheit eine angenehme Gegenwartsunterhaltung künstlerisch-chemisch abzuziehen und das Caput mortuum in den frischesten Wind zu streuen, der augenblicklich vor dem Fenster weht?!

Sie saß schon um den Tisch, die Hausgenossenschaft des Steinhofes, als wir dran und drüber hinfielen. Und da Jule Grote vollständig recht hatte und der Meister bis jetzt noch fehlte, so ging es um ein Beträchtliches weniger lehrhaft an der Tafelrunde zu als damals auf dem Oberhofe, als der Jäger zum ersten Male der Unterhaltung zwischen dem Hofschulzen und seinen Leuten zuhörte.

Große Bohnen und gekochten Schinken gab es heute auch hier wie damals auf dem Oberhofe, als der Jäger dort zum ersten Male seinen Platz am Tische einnahm.

Auf des Meisters Stuhl, obgleich er kein Meister war, saß der Vetter. Ihm zur Rechten Jule Grote, ihm zur Linken Irene Everstein. Der zur Seite saß Eva Sixtus und ihr gegenüber ich, neben der grimmig-klugäugigen Haushälterin und unbestrittenen Herrin des Steinhofes. Dem Freund Ewald gegenüber lag schwer auf den Tisch hin der Oberknecht, ihm zur Seite saß die Großmagd, und die anderen bis zum Hofjungen schlossen sich in bunter Reihe an. Millionen von Fliegen waren gleichfalls vorhanden, auch Bienen und anderes Flügelgesindel kamen aus dem Garten und der übrigen freien Natur, gerade wie wir von Schloß Werden, ohne vorher um Erlaubnis anzufragen. Die Temperatur in der niedrigen Stube war sehr hochgradig; die Balken der geweißten Decke drückten schwer herab, und es half gar nichts zur Kühle, daß die schmalen, niedrigen Fenster geöffnet standen. Über die Schwelle der offenen Stubentür traten Hahn und Hühner mit erhobenen Füßen ungeniert und ließen auch ihre Naturlaute nicht etwa blöde auf dem Hofe zurück. Hund und Katze konnten frei ein und aus gehen, hielten sich aber so dicht als möglich an uns; und da sie nicht auf dem Tische geduldet wurden, so trieben sie sich wenigstens unter ihm herum und warteten mit nervöser Ungeduld auf alles, was von ihm für sie abfiel. Von der Wand hinter dem Vetter Just mahnten die zehn Gebote, sehr bunt unter Glas und Rahmen, zu ihrer Beobachtung. Hinter dem kleinen Spiegel zwischen den Fenstern fehlten die Pfauenfedern und neben ihm der Kalender des laufenden Jahres nicht. Seltsam berührte (ich darf diese kitzelnd zugespitzte, moderne Redensart an dieser Stelle wohl anwenden) nur der Ofen hinter mir, und nicht als solcher, sondern durch das, was auf ihm stand. Auf ihm stand nicht etwa der alte Fritz in Gips mit seinem Krückstock oder der Kaiser Napoleon mit untergeschlagenen Armen (beides hätte durchaus nicht seltsam berührt!), sondern es stand da in einem hübschen Miniaturgipsabguß, wenngleich ziemlich gelb angeschmaucht, — die mediceische Venus der gesamten Tafelrunde des Steinhofes gegenüber.