„Und da ich sie mir einmal von so ’nem wandernden Italiener mit seinem Brett auf dem Kopfe angeschafft habe, so bleibt sie da auch stehen, Fritz!“ hatte mir der Vetter gesagt. „Es braucht ja keiner ’s anzugucken, wenn er nicht mag; — ich habe mein Geld dafür gegeben, Fritz. Sieh mal, ihr anderen und dann alle berühmten Menschen in der Welt habt nur das vor uns voraus, daß ihr euch vor dergleichen nicht fürchtet und schämt. Guck mal, mir geht es noch schwer ab, daß ich darüber rede, und ich täte es auch ganz gewiß nicht, wenn du nicht auch mit den anderen deine schlechten Witze darüber gemacht hättest. Laß mir aber nur mal einer einen mit dem Besenstiel dran rühren! Dafür hat die weiße Gipsmadam doch zuviel gekostet!“
Dieses letzte Wort bringt mich auf die wenigstens auf dem Papier noch gegenwärtige Stunde zurück.
„Anderwärts als hier auf dem Steinhofe esse ich sie nicht, und wenn der Tod darauf stünde,“ sagt Ewald, schmatzend wie eines jener unwählerischen Tiere, für welche der Schöpfer die wackere Hülsenfrucht Vicia faba hauptsächlich erschaffen haben soll. „Evchen mag sie nur ihres Geruches in der Blüte wegen, und Irene ißt sie nur, weil sie schauderhaft hungrig ist und meinetwegen; nämlich weil sie im Heroismus nicht hinter mir bleiben will. Fritze frißt natürlich alles herunter, ohne darüber nachzudenken; und Sie, Jungfer Grote, bitte, noch ’n Stück aus dem Fetten. Schad’t nichts, wenn auch ein bißchen nah vom Knochen. Die Würmer sind ja mit im Kessel gewesen, Jungfer Jule —“
„I, so höre einer! Ein ganz nichtsnutziger Junge bist du,“ stammelt die Wirtschafterin des Steinhofes, „und —“
„Und beißen einen Sekundaner, den seine Herren Lehrer längst schon Sie anreden müssen, nicht mehr.“
Ein breites, glänzendes, zähnefletschendes Grinsen geht um den ganzen Tisch. Die Knechte stoßen ihre Nachbarn mit dem Knie an, die Mägde kichern, und nur der Hofjunge schlingt ungerührt weiter.
„I, so soll mich doch!… Nun höre einer!… Ach, herrje, bist du auch schon so lateinisch? Du?… Was kosten denn jetzt die Rohrstöcke bei euch auf Schulen? Sind wohl höllisch dies Jahr mißraten in Hinterpommern oder wo sie wachsen, weil du mir hier Glocke Zwölf am Tage so kommst wie ein Maikäfer, wenn’s Abend wird?! Herr Langreuter, Sie verdirbt er auch noch in Grund und Boden; und er ist es auch allein, der alle Augenblicke mit Ihnen hierher nach dem Steinhofe her vagabundiert, daß Sie, Fritzchen, mir meinen Jungen da, meinen Just, noch mehr aus seinem Menschenverstande heraus verführen, was eine Sünde ist, mehr als ich sagen kann, und was seine Schwester auch wohl weiß, und wenn ich nur nicht die lieben Gesichterchen so gern auf dem Steinhofe hätte, so wollte ich schon noch mehr sagen; aber die gnädige Frölen Gräfin darf’s mir dreiste glauben, ich nehme es keinem übel, wenn er es anders gewohnt ist bei Tische, und große Bohnen sind freilich nicht jedermanns Sache, da hat der Junge recht.“
„Wenn Sie den hier meinen, Jungfer Grote,“ lachte Irene Everstein, mit ihrer Gabel auf Freund Ewald deutend, „so sollte ich nur mal ’nen Augenblick lang Ihren großen Löffel da in der Hand haben! Ach, herrje, ich würde ihm Deutsch auf sein Lateinisch geantwortet haben. Und übrigens haben sie ihn auch nur deshalb mit nach Sekunda genommen, weil er ihnen für Tertia zu lang geworden ist. Wachsen kann jeder, und wir auch; nicht wahr, Eva?“
Sie stand auf, und da alle sie darauf ansahen, sagte sie:
„Ich will mir nur ein Glas Wasser vom Brunnen holen.“