„Bleib sitzen, das will ich dir besorgen,“ sagte der Vetter Just, gleichfalls aufstehend. „Du weißt doch, Irene, daß dir die Winde zu schwer ist. Es springt hier nicht so bequem aus einem Löwenmaul wie bei euch auf Schloß Werden.“
Er erhob sich tölpisch genug von seinem Stuhl; aber Ewald Sixtus und ich, wir waren ruhig sitzen geblieben; und es ist auch heute erst, in der Erinnerung der fernen Vergangenheit, daß mir das bemerkenswert erscheint. Ich schätze es übrigens jetzt für ein Glück, daß die Feinfühligkeit nicht bei allen Menschen mit den Jahren wächst. Wer würde es aushalten können in einer Welt, in welcher dieses die Regel wäre und die Leute ohne das in keiner Achtung stehen und es auch nicht zu Vermögen bringen könnten?
Jule Grote sah ihrem vierschrötigen, langen, unmündigen Mündel mit einem Ausdruck von verdrießlichem Jammer nach, der sich gar nicht beschreiben läßt. Sie hob den Löffel zum Munde; aber sie ließ ihn wieder auf den Teller sinken und brummte:
„Da danke einmal einer dem lieben Herrgott für die gute Gottesgabe!“ und dann grimmig sich zu Ewald Sixtus wendend, rief sie:
„Dich sollte dein Vater aus alter Freundschaft von Schulen abtun und hierher auf ein halb Jahr zur Probe in die Wirtschaft geben. Vielleicht brächtest du ihn noch aus der Unvernunft heraus und zu ordentlichem Sinn und Gedanken. Von euch anderen aber ist es mir eine große Ehre und Pläsier; aber besser ist’s doch, ihr bleibt mir soweit als möglich weg vom Steinhofe. Was nutzt der Kuh Muskate? Und was haltet ihr mir den Bauer auf dem Steinhofe noch mehr von der Arbeit ab? Soweit meine Besinnung reicht, haben sie zwarst alle, vom Vater zum Sohn, hier auf dem Hofe ’nen Vogel im Kopfe mit in die Welt gebracht; aber solch ein nichtsnutzig ganzes Nest wie dieser doch keiner! Du lieber Himmel, was daraus werden wird, weiß ich; und doch liege ich Nacht für Nacht wach und bitte, daß einer kommt und es mir sagt; gerade als ob ich es wie das höchste Glück nie genug hören könnte! O ihr junges Volk sollt es nur auch erst einmal erfahren haben, wie es dem Menschen zumute ist, wenn er sich so an seine Sorge anklammern muß und um seinen Willen gar nicht gefragt wird dabei!“
Das war gerufen und doch nur über den Tisch geächzt — „der Leute wegen“; — als ob die nicht schon längst Bescheid und den Vetter Just zu nehmen gewußt hätten, wie sie ihn gebrauchen konnten. Ihnen war es ganz bequem so, wie er war; und Jule Grote hatte recht, vollkommen recht in ihrem Jammer und Ingrimm: der Steinhof mußte zugrunde gehen unter einem Bauer wie der Vetter Just Everstein.
Doch der Vetter Just ist eben mit dem Glase klaren Wassers aus seinem Ziehbrunnen für die Komtesse Irene zurückgekommen. Er hat fein ein Klettenblatt darunter gelegt, und ein Bär könnte es nicht zierlicher präsentieren. Endlich sind wir alle satt, — sogar der Junge vom Hofe ist satt und äußert es durch einen klagevollen Laut, der aber nicht allein Seufzer ist und auch nicht bloß aus der Tiefe seines Busens sich emporringt. Ein jeder geht, mehr oder weniger gutwillig, wieder an seine Arbeit; nur der Vetter Just nicht, der doch am gutwilligsten gehen sollte. Und wir nicht; denn dazu sind wir wahrhaftig nicht vom Schloß Werden durchgebrannt!
Wir liegen, wie wir es uns auf jeder schattenlosen Stelle unseres Weges lockend ausgemalt haben, im hohen Grase, im Grasgarten des Steinhofes unter dem großen Kirschbaum; der Vetter Just Everstein aber sitzt in unserer Mitte am Stamm des Kirschbaumes und hält die Knie mit den langen Armen umschlungen. In der Küche hält Jule Grote die Kaffeemühle im Schoße und schüttelt die Haube und wirft bedenkliche Blicke durch das kleine Fenster nach ihren Gästen und ihrem in aller Welt nichts nützen jungen Herrn und Meister. Dieses aber gehört besser in ein ander Kapitel, und ich beginne das sofort.
Neuntes Kapitel.
Es war nicht der erste Everstein mit einem Nagel oder Vogel im Kopf, den der Steinhof erzeugte. Es hatten schon mehrere des Namens die Umgegend in Erstaunen gesetzt; und dieser Freund Just war auch nicht der erste, den die Gegend „Vetter“ nannte und von dem sie nach jedem Nachbarschaftsbesuche mit der Hand im Haar oder mit dem Knöchel des Zeigefingers vor der Stirn Abschied nahm und sich auf dem Heimwege fragte: