„Ist denn das ’ne Möglichkeit?“
Der Vetter Just mußte es aber doch wohl in der Absonderlichkeit allen seinen Ahnen zuvortun; und was zu viel ist, das ist zu viel! „Vieles hat er von seinem Großvater und seinem Vater, aber nicht alles,“ sagte Jule Grote.
„Der verfluchte Junge. Totschlagen könnte ich ihn alle Tage ein paar Male!“ pflegte sein seliger Vater zu seufzen. „Und totgeschlagen hätte ich ihn auch schon längst, wenn mir da nicht immer sein Großvater in das Gedächtnis käme, Nachbar, und ich mir denken müßte, was kann er denn eigentlich dafür, wenn’s ihm einmal im Blut steckt?! Mich hat’s wohl gottlob übersprungen! aber seinen Großvater hättet Ihr kennen sollen, Nachbar. Na, richtig, Ihr habt ihn ja gekannt, und so müßt Ihr doch auch sagen, daß so ’ne Weisheit, als der prästierte, auch nicht allenthalben und immer für Geld und gute Worte zu haben ist. — So nehme ich ihn denn am Kragen und schüttele ihn in der hellen Wut, und er sieht mich dumm an und sagt nichts, oder sagt: Ja, Vater! und dann muß ich ihn wieder laufen lassen; — denn, Herr Amtmann, Sie sagen wohl, das müssen Sie eben nicht tun, Everstein, sondern Sie müssen sich und dem Bengel einen Zwang antun! aber nun ist denn dieses wieder nicht in meiner Natur. Ich kann leider Gottes den Grimm und die Wut über den Nichtsnutz nicht festhalten über dem Nachdenken über ihn. Es ist eben unsere Natur! Was für die anderen Bauern der Mist ist, das sind für uns hier auf dem Steinhofe die Hirngespinste und Spintisierereien; und seit Olims Zeiten ist das so mit uns gewesen. — Ja, Sie haben recht, Base, daß das nicht so weiter gehen kann, wenn der Steinhof nicht zugrunde gehen soll, wenn ich mal die Augen zutue; aber Sie sind ein verständig Frauenzimmer, Base, und so will ich Ihnen denn meinen letzten Trost nicht vorenthalten. Sehen Sie mal, was hat uns auf dem Steinhofe seit mehr denn hundert Jahren immer wieder ’rausgerissen? Die gütige Vorsehung! So ist das bei meinem Vater gewesen und bei dem seinen und so weiter fort rückwärts. Und so hat sich noch, wenn die Not am größten war, — immer noch ein vernünftig Weibsbild gefunden, dem das Elend jammerte und das also ein gut Werk an uns tat und — uns nahm. Von Meiner will ich nicht reden; aber seit sie auf dem Kirchhofe liegt, vermisse ich sie doch auch recht sehr! Aber meine Mutter, als was Justs Großmutter nun ist, das war eine Frau! Wenn ich da an meinen seligen Vater denke, so kann ich nur die Hände zusammenlegen und sagen: Uh jemine!… Und sehen Sie, Base, auf so eine hoffe ich denn auch zum Besten von meinem Strick von Jungen da, und bei allem, was nach uns kommt auf dem Steinhofe. Die Weibsleute haben uns noch immer aus dem blauen Nebel und allen Dummheiten herausgeholt. Denn was Sie auch sagen mögen, Base, angewiesen seid ihr ja doch allesamt mit eurem ganzen Interesse auf uns, wenn ihr uns mal genommen habt, eure uneigennützlichen Gefühle beim Jasagen ganz unbesehen. Sie brauchen da nur an den Ihrigen und sich selber zu denken, wenn Sie es mir erlauben, Frau Base.“
Für die richtige war es wohl noch ein wenig zu früh am Tage.
„Wenn die Zeit kommt, werde ich mich nach ihr schon auf die Lauer legen, wie es mein Vater für mich getan hat und den sein Vater für ihn,“ pflegte der Alte einer jeden solchen sorgenvollen Erörterung als Schluß anzuhängen. Leider erging es ihm wie den meisten Erdenbewohnern: er starb an einer Erkältung in der Heuernte, ehe er sich nach der Rechten auf die Lauer gelegt hatte; und der Junge hatte dann auch nicht weiter nach ihr gesucht, sondern die Tage und sein Wachstum in ihnen hingenommen, wie’s ihm kam, unter staatlicher Obervormundschaft und unter der Pflege und Vormundschaft von Jule Grote.
Die Sommersonne scheint auf den dichtbelaubten Kirschbaum, und Licht und Schatten halten ihren flimmernden Tanz auf dem weichen Grase unter ihm. Irene hat ihren blonden Kopf in Evas Schoß gelegt und ist dem Schlafe näher als dem Wachen. Ewald liegt lang ausgestreckt auf dem Bauche, hält seinen Kopf auf beide Fäuste gestützt und starr blinzelnd auf den Vetter und zuckt mit den Ellenbogen, als ob er die ganze Welt in die Seite stoßen und sie gleichfalls auf ihn aufmerksam machen möchte. Auch ich halte in der grünen Kühle die Augen nur mit Mühe offen, aber annähernd horche ich doch auf alles, was hin und wieder gesagt wird, und gebe auch wohl mein Wort mit drein.
„Wenn du lange genug nachgedacht hast, so darfst du meinetwegen dreist sagen, was du denkst, Just. Wenn ich satt bin und weich liege, kann ich allen Unsinn ruhig anhören, Vetter Just,“ spricht Ewald mit einer Miene, als ob er noch nie während seiner gelehrten Laufbahn vom Klassenlehrer einer unverschämten Redensart wegen zur Tür hinausbefördert worden sei.
„Ich denke ja an gar nichts!“ antwortet der Vetter Just. „Was sollte ich denn denken?“
Irene von Everstein, ihre Augen halb öffnend, murmelt:
„Solch einem dummen Jungen antwortete ich auch das nicht einmal, Just. Er soll drei Bäume weiter gehen und uns hier unter unserem jetzt ungeschoren lassen. Das ist meine Meinung.“