„Du hast recht, Vetter,“ sage ich kleinlaut zurück; „vergib mir nur noch mal das Dumme-Jungen-Betragen. Na, alter Kerl, gib mir die Hand. Daß ich mich riesenhaft freue, wenn es dir gut geht, weißt du ja. Und daß du ein nobler Kerl bist und zwanzigmal mehr wert als wir anderen alle miteinander, das weiß ich. Und jetzt komm’ hierher an den Tisch und beweise mir das nichtsnutzige Untier von Lehrsatz gleichfalls. Was die verdammte Bestie mich an Schweiß und Blut gekostet hat, das wissen die Götter. Und frage nur Ewald. Mathematik ist seine Force, aber drei Glatzköpfe könnten sich Perücken aus den Haaren machen lassen, die er sich darüber ausgerauft hat, und vom Oberlehrer Dr. Grimme weiß ich es fest: er trägt eine aus dem Busche, der auf Ewalds Kopfe gewachsen ist, und hat sich das Material selber mit den Wurzeln ausgezogen.“
„Den Witz habe ich schon einmal anderswo in Büchern gelesen, Fritz,“ meint der Vetter.
„Dann kannst du dich fest darauf verlassen, daß es gar kein Witz ist, sondern eine richtige, schreckliche Wahrheit, Just. Frage nur Ewald danach.“
Nun hängen wir über dem Tische, und der Vetter Just Everstein beweist mir den Magister. Es müßt ein gut Stück vom einstürzenden Himmel dem Erben und Meister des Steinhofes auf den Kopf fallen, um ihn zum Aufgucken zu veranlassen. Er verwickelt sich und gerät auf falsche Fährten und gerät auch sich mit der Faust in den blonden Haarwulst. Er findet sich wieder zurecht, und es wird licht und immer lichter vor und in seinen Augen. Endlich ist er siegreich durch und sein autodidaktischer Triumph vollständig.
„Hurra!… Weiß Gott, er hat den Pythagoras unter sich und kniet ihm auf der Brust!… Vetter, du bist ein Riese! Und auch dies hast du alles aus dir selber?…“
„Und aus Büchern!“ sagt der Vetter Just Everstein viel verschämter als ein junges Mädchen, dem man zum ersten Mal sagt, daß es hübsch sei. Die junge Dame auf dem Ball erfährt da natürlich nichts, als was sie sich schon längst selber mitgeteilt hat; der Vetter Just aber weiß von nichts, was ihn selber angeht, und glaubt am meisten noch der Mamsell Jule Grote, die ihm jeden Tag von neuem zu hören gibt, daß er der größte Nichtsnutz, Unverstand und Tagedieb sei, den der liebe Herrgott in seinem Zorn zu ihrem Elend in die Welt und auf den Steinhof habe hinsetzen können.
Von den „Büchern“ kommen wir natürlich auf des Großvaters Bücherschrank. Dschinnistan — Genieland, Geisterland öffnet seine Pforten immer weiter. Wir haben längst alle Berechnung darüber verloren, was es in Bodenwerder geschlagen haben mag auf dem Kirchenturme. Wir kümmern uns nicht im geringsten darum, daß es auch auf dem Steinhofe eine Uhr gibt, die ziemlich richtig die Zeit anzeigt und von Jule Grote gewissenhaft immer von neuem aufgezogen wird.
Wir sind zum Kaffee gerufen worden und haben nur geantwortet:
„Ja, gleich. Im Augenblick!“
Irene hatte Freund Ewald die Augen mit ihrem Taschentuch verbunden, und er hat den Blinden im Blindekuhspiel recht gut zu spielen gewußt. Wir haben das helle Lachen und Kreischen wohl vernommen und dabei aufgeguckt und gefühlt, daß es in dieser engen Kammer unter dem Dache an diesem Julinachmittage ziemlich schwül sei trotz dem offenen Fenster; aber wir haben auch diesen Lockungen nicht Folge geleistet, sondern nur wiederholt: