„Now?… Jetzt aber erst mal alle stille! Fritzchen!! Nun nur nicht alles auf einmal!… Fritz? der kleine Fritze Langreuter!… Also zuletzt doch wieder!… Ich bin es; aber — jetzt laß auch du dich einmal anfühlen! Mensch, so reiche doch endlich deine Hand (your fist, sagte er) her. O mein lieber Junge, das ist doch zu gut!“ …
Es war ein sehr gefülltes Restaurationslokal, in dem unser Wiedersehen stattfand, und die verschmauchten Räume füllten sich eben immer noch mehr mit hungrigen Menschen. Sämtliche Professoren der vier Fakultäten, die Bauakademie und verschiedene andere Akademien schütteten ihre Zuhörer über diese behaglicheren Tische und Subsellien aus. Privatdozenten von allen Sorten schoben sich ein; dazwischen großstädtisches Volk von jeglicher Art. Mir schwindelte, ich glaubte zu träumen, wenn ich an den Steinhof und unser trostloses Abschiedsfrühstück daselbst dachte. Und ich dachte in dieser aufgeregten Minute wirklich daran, so sonderbar das erscheinen mag, vorzüglich dem mit mehr Muskeln als Nerven von der wohlmeinenden Natur ausgestatteten Erdenbürger.
Ich ergriff die Hand, die mir über den Tisch zugereicht wurde; breit war sie immer noch, aber ich hatte auch den harten biederen Griff vom Steinhofe in der Erinnerung und nahm die weichen Finger jetzt ebenfalls als etwas ganz sonderbar Unstatthaftes.
„O Vetter Just!“
„Jawohl! Und ich freue mich merkwürdig, lieber Junge. Viel ins Gerade gewachsen ist er nicht mehr in den Jahren! Aber das ist auch schön; da findet man doch auch hier etwas wieder, was so ist, wie es war —“
„Und wie lange bist du in der Stadt, Just?“
„Davon nachher! Ich glaube wahrhaftig, der Kerl ist imstande und meint, daß ich schon seit acht Wochen Wand an Wand mit ihm wohne, ohne ihn aufgefunden zu haben! Ist es denn möglich, daß ein alter Freund so schlecht von dem anderen denken kann!“
„Wie kannst du verlangen, Vetter, daß ich in diesem Moment genau überlege, was ich sage und frage? Wo kommst du her?“
„Auch das noch!… Well, aus Amerika natürlich, wo die Leute in jedem Momente ganz genau wissen, was sie sagen und was sie fragen. Und nun, weißt du was, Fritz? Nun tun wir fürs erste, als ob keinem von uns beiden etwas besonders Merkwürdiges passiert sei. Jetzt essen wir mit möglichster Ruhe zu Mittag und besehen uns stillschweigend währenddem. Keiner nimmt es dem anderen übel, wenn er bei dem Studium auch einmal den Kopf schüttelt. What will you drink? Alter Kerl, wenn ich weiter nichts mit über das Wasser zu euch zurückgebracht hätte als den alten guten Magen vom Steinhofe (Fritze, nachher stoßen wir darauf an!), so wäre auch das schon gar nicht zu verachten. Wie sagt Cicero in diesem Falle?… Na?!… Kellner, die Weinkarte! Ach ja, die schöne Zeit, wo man alles Gute, was kam, als etwas sich ganz von selbst Verstehendes nahm!“
Das war nun alles so hingesagt, als ob der Mann erwarte, daß man mit dem sonnigsten Lachen darauf Antwort gebe; und ich lachte auch, wie man hie und da über etwas ganz Neues lacht, dem man eben noch auf keine Weise beikommen kann. Es war mir nie im Leben etwas so neu erschienen als der Vetter Just Everstein, dieser alte gute Bekannte. Ratlos, wie und wo er am richtigsten anzufassen sei, fing ich mechanisch an, meine Suppe herunterzulöffeln, aber ohne ihn für den kürzesten Augenblick aus den Augen zu lassen. Ihm aber schien das großen Spaß zu machen, ihm, der so viele Jahre hindurch so oft unser Ergötzen auf dem Steinhofe gewesen war.