Mittelalterliches Quellenstudium hatte ich zur Genüge für mich und andere getrieben und konnte genaue Auskunft geben, zum Exempel über die Annalen von Brauweiler, die sich so sehr darüber beklagten, daß die Ketzer so viele Wunder täten, und die natürlich das Nahen des Antichrists, des allgemeinen Durcheinanders daraus vordeuteten (o dieser Ketzer von Vetter!), aber die Quellen des lebendigen Daseins, die neben mir aus dem Boden aufsprudelten, jede nach ihrer Art trübe oder klar, mit ihren Kristallblasen und überhängendem Grün, mit ihrem Treiben von Kindermühlwerken und Fabrikrädern, mit ihrem Rauschen über Stock und Stein, die waren mir nur zu sehr aus dem Gesicht und Gehör fern geblieben! In meinem Kopfe war in jener Nacht, nachdem der Vetter Just Everstein Farewell oder Good night gesagt hatte, das große Durcheinander unbedingt momentan vorhanden, und es kostete keine geringe Mühe, nur die allernötigste Ordnung wieder in das Chaos zu bringen.
Ach, Vetter Just, was hatte ich dir auf deine Erzählung als Gegengabe meinerseits zu bieten? Wie wenig fühlte ich mich persönlich in den Enthusiasmus einbegriffen, mit dem du die Titel auf den Bücherbrettern an diesen nichtsnutzigen vier Wänden herlasest und buchstabiertest!… Aber das Ärgste war doch, Vetter, als du so ganz beiläufig und gutmütig bemerktest:
„Das ist der ganze Steinhof und meine Erkerstube und meine Gefühle — wie’s leibt und lebt! O Fritz, du hast es gut gehabt und bist immer mitten in allen deinen Anlagen und Wünschen geblieben, und keiner hat dich gestört: glaub nur ja nicht, daß ich dir nochmals einen Vorwurf daraus mache, daß du heute mittag bei Tische so gar nichts von uns anderen gewußt hast. Ich hätte sicherlich ebenso wenig davon gewußt, wenn ich du gewesen wäre! Du bist ja freilich ein ganz famoser Kerl! Ein Riese bist du!“ …
So fühlte ich mich freilich in jener Nacht, — ach, du liebster Himmel! und jetzt lasse ich die Arme sinken und lasse den Vetter Just Everstein erzählen.
„Daß man die größten Wunder zu Hause erlebt,“ sagte er, „das lernt man erst in der Fremde erkennen. Man braucht sich überall nur fest hinzustellen mit dem, was man von seinem eigenen Grund und Boden mitgebracht hat, um dem Auslande verdammt merkwürdig vorzukommen. Das ist meine Erfahrung, und so habe ich selbst als Deutscher den lieben Leuten da drüben ganz devilish imponiert. Mit den lieben Leuten aber meine ich sämtliche Bürger der Vereinigten Staaten von Nordamerika, von den großen Seen bis an den äußersten Zipfel der Halbinsel Florida und von einem Ozean bis zum anderen. Ich freute mich auch da schon auf das Wiedersehen mit unserem guten Ewald, bloß um ihn fragen zu können, wie es ihm in dieser Hinsicht außerhalb der deutschen Nation ergangen sei. Nun, ihm natürlich, wenigstens in dieser Beziehung, noch um manches Prozent besser als mir; das steht fest, ich glaube nicht, daß es mir bloß so scheint! Du weißt, unter welchen schauderhaften und unangenehmen Umständen ich von euch und dem Steinhofe überhaupt Abschied zu nehmen hatte. Ein blöderer Hanstoffel als ich ist wohl selten aus seinem Traumwinkel und von der Ofenbank an die freie Luft hinausbefördert worden. Alles, was ihr nachher erlebt haben könnt (Fräulein Irene nehme ich aus!) ist gar nichts gegen das, was ich an jenem schönen Sommertage und dann bei der Auktion ausgestanden habe. Und wie die Welt ist, nimm mir das nicht übel, Fritze, so ließ sich keiner von euch auf dem Hofe mir zum Troste und der alten Jule zur Aufrichtung blicken; und so waren wir denn einzig und allein auf uns selber angewiesen in dem Verdruß und Elend, ich und Jule Grote. Ich mache dir übrigens durchaus keinen Vorwurf, Fritzchen, denn ich weiß es wohl, daß ihr euch damals gleichfalls durch schlimme Tage durchzufressen hattet. Aber uh, die alte Jule! Da habe ich das Meinige zu hören gekriegt vom Morgen bis zum Abend. Und, was das Schlimmste war, durchaus nicht mehr mit Gift und Galle und spitzen Reden, sondern alles in Wehmut und Herzeleid, und — mein armer, lieber Just hier — mein armer, armer Junge da! — Zum Heulen war’s! Die Haare stehen mir heute noch darüber zu Berge. Ganz unerträglich! — — ‚Dich hätte ich gar nicht aus deinen Windeln herauswickeln sollen, Just‘ — winselte die Alte fort und fort, als ob ich an dem tagtäglichen Exekutor nicht schon genug zu tragen gehabt hätte. Gottlob, daß das alles damals war und nicht heute noch mal ganz von vorn an durchgemacht werden muß! — Und ein Glück war es in allem Unglück, daß ich für die gute alte Seele am wenigsten zu sorgen hatte. Ich kam ihr einmal mit dem Wort und der schweren Herzensangst; aber da hättest du Jule Grote in ihrer Glorie sehen und hören können, Fritz Langreuter! Keine Katze konnte giftiger aufprusten. Da ging es los wie die Kastanien in der Asche, und die Asche flog mir arg genug in das Gesicht. — ‚O du dummer Bengel, willst du dich auch da noch zum Narren machen? Mich willst du unglückselig geschoren Schaflamm bemuttern? Du hülflose, übergeschnappte Kreatur, du? Du hast doch sonst immer mit deinem dummen Maul warten können, bis du gefragt wurdest! Ach, Gott, nun auch das noch!… Um mich macht sich das Kind zu guter Letzt auch noch seine Gedanken. Da ist es denn freilich wohl mit uns zum Schlimmsten gekommen! Zu glauben steht es freilich nicht, du — Töffel!‘
„Das war das richtige Wort, Fritz. Für sie bin ich mein Lebtage der kleine Töffel gewesen, und ich kann dir gar nicht sagen, Fritze, wie wohl es mir jedesmal ums Herz wird, wenn ich daran denke, daß ich es auch heute noch für sie sein kann und bin.
„Sie hatte vollständig recht. Die Gedanken, die ich mir in meinem Leben gemacht habe, sind nie viel wert gewesen, und die über sie am wenigsten. Da könnte ich mich noch eher mit meinen Gefühlen sehen lassen! Ich sage dir, Fritz, wenn ich noch lebe und jetzt, in dieser Nacht, hier dir so fett und rund gegenübersitze, so ist das einzig und allein ihr Verdienst. Sie nahm es mir denn auch ganz unchristlich schriftlich übel, als ich ihr die ersten hundert Dollars über die See nach Bodenwerder schickte. So’n dummes Zeug verbat sie sich ausdrücklich fürs künftige; ich muß dich aber da mal unsere gegenseitige Korrespondenz lesen lassen: so kurzweg erzählen läßt sich dies nicht; das ist wie mit allem Schönsten, Liebsten und Großartigsten in der Welt. Zum allerwenigsten muß ich die Dokumente dabei auf dem Tische haben.
„Sieh mal, Fritz, du bist nur eine vaterlose Waise gewesen, ich dagegen eine mutterlose von Kindesbeinen an; also kalkuliere dir mal unser gegenseitiges Verhältnis, ich meine zwischen mir und meiner Alten, selber zurechte. Ach, Gott, was hat sie von meinen Gedanken ausstehen müssen! und was das Ärgste war, das Allerärgste war noch zurück und ging ihr über alles übrige hinaus, bis sie sich auch in es, wie in alle meine anderen Unsinnigkeiten, mir zuliebe, gefunden hatte. Auf den Gedanken, nach Amerika auszuwandern, verfiel ich auf dem Wege nach Bodenwerder am letzten Auktionstage, und es war ein richtiger Kreuzweg. Nach ihr, meiner Jule, hatten sich die Hände, die sie gebrauchen konnten, dutzendweise ausgestreckt; aber nach mir nicht ein einziges Paar. Wer konnte mich gebrauchen? Sie war auf jedem Bauernhofe, auf jedem Gutshofe hochwillkommen; denn sie wußten alle weit ins Land hinein, was für eine Perle von Ökonomie und Molkenwesen, Schweinezucht, Viehzucht und Menschenzucht überhaupt der Steinhof an ihr gehabt hatte. Mir verhalf weder der große noch der kleine Broeder zu einer Unterkunft; — im Gegenteil, sie waren schuld daran, daß ich überall, wo ich anklopfte, mit einem manchmal gar nicht höflichen Kompliment weiter geschickt wurde. Niemand wollte von dem ‚gelehrten Bauer‘ etwas wissen, und am allerwenigsten seine besten Freunde. So bitter ist wohl selten einem Menschenkinde der Geschmack vom Lateinischen auf der Zunge geworden wie mir damals.“ …
„Armer Teufel!“ sagte ich, Friedrich Langreuter, Doktor der Philosophie, Privatdozent an der Friedrich-Wilhelms-Universität in Berlin usw. usw., und fügte hinzu: „Was weißt du denn von dem Geschmack auf den Zungen anderer Leute, Vetter Just? Ach, Vetter, du bist der größte Doktor, der mir je bekannt geworden ist — wie gern zeige ich dir die meinige körperlich und geistig und lasse mir ein Rezept gegen die Bitterkeit darauf verschreiben!“
„Zweihundertfünfzig Taler hatte sich die Alte übergespart,“ fuhr der Vetter fort, „das übrige hatte sie alles immer wieder so bei kleinem in den Steinhof hineingesteckt, und noch dazu meistens wohl in mich, und ohne daß ich es in meinem faulen Behagen leider Gottes im geringsten gemerkt habe und ihr dankbar dafür gewesen bin, wie es sich von Gottes und Rechts wegen gehörte. Nun kam sie mit ihren Sparkassenbüchern und ihrem Strumpfe voll blanker Achtgroschenstücke zum Vorschein und mit einem Gesichte dazu, was mir bis an mein Lebensende im Gedächtnis bleiben wird. Denke dir nur um ihr Gesicht einen Heiligenschein, wie ihn die Maler um ihre himmlischen Jungfrauen malen; — beschreiben läßt sich aber der Kontrast nicht, sondern nur mit tränenvollem Herzbeben nachfühlen. Nicht einmal für ihr standesgemäßes Begräbnis, wovon sie immer gern sprach wie die Alte in dem Gedichte, wollte sie wenigstens die fünfzig Taler zurückbehalten, und — gottlob — bis heute hat sie sie auch noch nicht nötig gehabt; aber ich habe sie ihr damals doch zurückgelassen, und dabei erlebte ich denn of course ihren letzten Wutanfall über mich vor meiner Abreise. Die zweihundert Taler habe ich genommen, und ich will keinem anderen von meiner Natur wünschen, daß ihm auch einmal so schweres Geld in die Tasche gesteckt wird! Glaub nur ja nicht, daß sich das so an einem Tage machte; ebensowenig wie der Abschied! Aber eines Morgens waren wir doch so weit, nämlich bis zu dem: ‚Ja, Just, denn Adjes, und ich hätte nimmer gedacht, daß ich auch das noch an dir erleben sollte!‘ — gekommen. Fahre du einmal so wie ich damals von Bodenwerder nach Bremen und probier’s, wie dir dabei zumute ist. Was wir Gelehrten die Logik nennen, das ist wie Philosophie auf dem Wege zum Zahndoktor; beides kommt einem erst wieder, wenn alles — Herz, Hirn und auch die Kinnbacken — wieder in verhältnismäßiger Ordnung sind. Du siehst es mir heute, Gott sei Dank, nicht mehr an, wie ich damals aussah inwendig und auswendig. Wenn wir Gelehrten aber wissen, daß der Mensch in seiner Natur immer derselbe bleibt, so ist es doch ebenso wahr, daß sich manches auf den Charakter hängt und dazu gerechnet wird wie die Mistel zum Apfelbaum. Kannst du das Schmarotzergewächs nicht zu Vogelleim gebrauchen oder ist dir das Geniste sonst widerlich und hinderlich, so sei nur dreist ein guter Gärtner und richtiger Mensch, — reute es aus, reiß es ab und mach ein Feldfeuer aus dem Gestrünk und Gestrüpp. Für mich, den Vetter Just vom Steinhofe, ist da diese glorreiche Republik der Vereinigten Staaten von Nordamerika eine unbezahlbare Schulmeisterin gewesen. Hier bin ich wieder, und — ein Schulmeister bin ich drüben gewesen: ich habe mich doch nicht ganz umsonst von euch hier zu Lande auslachen lassen wollen! alter Junge, und ein Buch könnte ich wohl auch jetzo zustande bringen, wenn auch nur eines — meine Lebensgeschichte. Ich gebe dir mein Wort darauf, eine ganz sonderbare Historia ist das; und so in manchem stillen Augenblicke komme ich mir wirklich merkwürdig kurios und interessant vor und als etwas, was ganz außer mir steht und sich von den verschiedensten Seiten her betrachten läßt. Nicht wahr, Objektivität nennen wir dieses? Glaube nur aber ja nicht, daß ich dir das Gesicht, welches du mir hier eben zuschneidest, übel anrechne.“