„O Vetter,“ habe ich damals, mit beiden Händen nach der Hand des teuren Mannes greifend, gerufen, „Vetter, lieber Vetter, was ich für ein Gesicht dir mache, weiß ich nicht; aber wie ich jetzt, in dieser Nacht, mit diesem Winde vor dem Fenster in deiner Schule sitze, das weiß ich ganz genau. Und nun tue mir die Liebe an und verführe mich nicht wieder, dich zu unterbrechen! Erzähle weiter — weiter; o erzähle weiter —“
„Herr Urian! Jawohl; — wenn einer eine Reise tut, so kann er was erzählen, singt der Wandsbecker Bote. Und freilich, eine Reise habe ich getan, und sie war noch lange nicht zu Ende, als ich drüben am anderen Ufer angekommen war, daselbst auf der Werft im Kreise meiner Zwischendecksgenossen stand (einige saßen auch noch ratloser als ich auf ihren Kisten und Kasten) und diesen Neuyorkischen Nordamerikanern meine ersten frisch importierten Maulaffen feilbot. Großer Gott, damit mochte man dort so frisch als möglich ankommen, eine neue Ware war es da am Platz wahrhaftig nicht! Es ist nicht in einer Sitzung, wie wir sie jetzt abhalten, zu berichten, was ich im Handel damit ausgestanden habe! Und dann nimm nur auch mal die Konkurrenz an! ganz abgesehen von den Weibern, Kindern und den Alten, die dazu ihre Tränen, Seufzer, Jammergesichter und Gebresten auf den fremden Markt bringen. Daran darf ich gar nicht denken, ohne meine eigene Historie auf der Stelle abzubrechen und anzufangen, die eines anderen, und zwar eines anderen von Hunderten und Tausenden, zu erzählen. Der Mensch ist aber und bleibt ein Egoist, und so bleibe auch ich in der Furche und pflüge mein eigen Feld nach der allgemeinen Regel dir vor wie bei dem ersten besten Preispflügen. Das mit der großen Konkurrenz war denn sicherlich für mich kein eitler Wahn. Es geht außer den ordentlichen Bauern auch eine Menge wirklicher Schulmeister über das Wasser, weil ihnen der vaterländische Grund und Boden nicht genug Balken mehr unter sich hat — gelehrte Leute, Professoren, Doktoren, Oberlehrer und Seminaristen — Philologen und Philosophen von jeder Sorte, und kommen sämtlich beim Steinklopfen, Ziegeltragen und im deutschen Auswandererspital an. Mit mir ist es glücklicherweise umgekehrt gegangen. Ich habe da freilich nur meine eigene persönliche Erfahrung und kann nur sagen, was ich persönlich weiß. Und nun, Fritz Langreuter, lasse ich mich darauf totschlagen, daß von allem, was man drüben am besten gebrauchen kann, ein lateinischer Bauer das allererste ist. Von ihren großen Städten und dergleichen rede ich natürlich nicht, sondern von ihren Wildnissen und Einsamkeiten. Und merken lassen darf man es ihnen, auch im Hinterwalde oder auf der Prärie, auch nicht, was man außer seinen zwei groben Fäusten mitgebracht hat, sondern sie müssen es nach und nach ganz von selber merken. Nun stelle dir den Vetter Just vor in einem Lande, wo jedes Kind, sowie es das Licht der Welt erblickt hat, sofort sich auf das Praktische legt und mit seinen Eltern über seine ersten natürlichen Geschäfte an zu handeln fängt. Nicht wahr, da brauchte der bankerotte Bauer vom Steinhofe nicht erst eine Glatze zu kriegen, um zum Kinderspott zu werden? Es war der erste Vorteil, den ich aus meiner heimischen Dummheit zog, daß ich dieses einsehen und mich darauf einrichten konnte. — Ach, Fritz, es ist manchmal dem Menschen nichts dienlicher, als daß er mal so recht vollständig umgekehrt wird! wenn das Allerinnerste nach außen kommt, dann erfährt er erst, was eigentlich alles in ihm gesteckt hat und was ihm nur angeflogen war. Jetzt kehrst du zuerst den Bauer heraus, Just! denke ich mir, mit der Faust vor der Stirn; — den Urbauer, den deutschen Bauer aus der Zeit, wo er sich noch nicht einen Ökonomen schimpfen ließ. Dreidrähtig, Just! schon um der alten Jule willen. Ebenso dick als lang, und wäre es auch nur der Ehre des deutschen Vaterlandes wegen. Mist bleibt überall Mist und hat überall dieselbe Wirkung in der schönen Natur, einerlei ob in dem alten Europa oder in dem jungen Amerika. Und dann — muß man denn immer in seinem eigenen Bette schlafen und den Schlüssel zu seiner eigenen Rauchkammer in der Tasche herumtragen? Uh, das Fleisch ist mir da wirklich von den Knochen gefallen; aber gereckt habe ich mich auch. Du glaubst es wahrscheinlich nicht; aber einen guten Zoll bin ich ganz gegen die Natur in Amerika noch gewachsen. Das Land hat das wirklich naturgeschichtlich so an sich, daß es seine Leute wie zähes Leder auseinander zieht. Ist dir mein Hals nicht aufgefallen? Na ja, auf dem Steinhofe steckte er mir ganz anders zwischen den Schultern! Nimm es mir nicht übel, das sollte kein Stich auf dich sein; denn bei dir ist das ganz was anderes, du bist ein glorreicher deutscher Gelehrter und passest mit deiner dünnen Nase ganz nach der Regel zu deiner übrigen Figur. Aber wir — das deutsche Volk im großen und ganzen; wie lange müssen wir noch selbst dem Unteroffizier dankbar sein, der uns zum Geradestehen animiert und uns das Kinn mit der Faust in die Höhe stößt, um uns auf das stolze Blau über uns aufmerksam zu machen?! Das war eine Abschweifung, rechne ich; und da bin ich also auf einer Farm mitten im Staate Wisconsin — auf einer Farm — zahle mein Lehrgeld als Ackersmann auf Erden nachträglich und hole vieles nach, was ich auf dem Steinhofe aus Faulheit und Dummheit versäumt habe; — mein einziger Verlaß die Muskeln, die mir Jule Grote angefüttert hatte. Ein bißchen klimatisches Fieber abgerechnet, ging es auch so ziemlich. Aber das Geräte! damit habe ich Jahre lang meine liebe Not gehabt, bis ich es mir handgerecht einstudiert hatte. Nimm nur mal solch eine Yankee-Axt an. Und dann ihre Verbesserungen an ihren Pflügen zwischen ihren Baumstumpfen. Selbst das Älteste, was Adam schon kannte, kommt einem da neu vor. Bis auf den Griff am Spaten mußt du dort als deutscher Ackerknecht von frischem in die Lehre gehen. Aber in der Not frißt der Teufel Fliegen, und by degrees machte sich die Sache ganz gut. Wir Gelehrten nennen das ja wohl eine felix culpa, wenn sich einer zu seinem Glück und besserem Verständnis blamiert und sich elend und lächerlich macht? Wir hatten einmal einen thüringischen verunglückten Pfarrer in Liedlohn genommen, der sprach viel hiervon. Einerlei; ich sage dir, Fritze, man muß so einen wackeren Erbsitz und Urvätereigentum wie den Steinhof wie im Traum von der Hand weggeblasen haben, um es im vollen einzusehen, was für ein glorreich Handwerk Adams Handwerk ist! So ist es aber mit allen guten Dingen, die uns in die Hand wachsen, in die Windel eingebunden oder auf dem Präsentierteller gebracht werden. Erst verdudele du sie, dann lernst du sie nach ihrem ganzen Wert und Behagen abschätzen! Wenn ich es heute nicht noch zu allem übrigen hier bei euch zum Titel Ökonomierat bringe, so — na, ich will lieber nicht sagen, was Karl Heinzen drüben dann in diesem Falle sagen würde! — Herzensjunge, es ist jammerschade, daß du in jener Zeit nicht bei mir warst, um dein Pläsier gerade so an mir zu haben wie im grünen Grase unter meines Vaters alten Kirschenbäumen oder in meiner ganz verrückten Erkerstube. O, hätte ich nur manchmal die alte Jule, dich, Ewald und die beiden Mädchen nach Neu-Minden hexen können! Wenn man absolut einmal zu renommieren wünscht, so renommiert man am liebsten vor seinen nächsten Bekannten, Verwandten und besten Freunden, wahrscheinlich eben weil die doch nie an einen glauben. Neu-Minden hieß unsere Ansiedelung, und alles in allem gerechnet, jung und alt zueinander, waren wir so zirka fünfzig bis sechzig Köpfe stark. Immer ein hübscher Kern! Der General Varus auf seinem Marsche durch Deutschland hat wahrscheinlich erst bei Detmold einen bunteren Haufen von uns, und zwar zu seinem Schaden, auf einer Stelle zusammen erblickt. Neu-Minden! ein netter Name und ein absonderlich Sammelsurium deutschen Volkes! — von jeder Sorte a G’schmäckle, wie die drei oder vier Schwaben unter uns sagten. Drei bis vier Dutzend Kinderflachsköpfe wuchsen uns zwischen den Beinen, Schweinen, Baumstumpfen und Fenzen auf, und das war die Hauptsache, und wer auch Präsident sein mochte — dieses machte ihm keine grauen Haare; einen Kultusminister schickte er uns nicht, um Ordnung zu stiften, nach Neu-Minden. Ihm war es in seinem weißen Hause in Washington vollständig einerlei, auf welche Weise sich seine Bürger die Fähigkeit, seine Nachfolger in diesem weißen Hause zu werden, erwarben. Nun, da freue ich mich, daß ich dreist beschwören kann, daß es immer noch etwas auf sich hat mit dem deutschen Gewissen, nämlich soweit es sich um Vaterpflichten und Muttersorgen handelt; einerlei, ob es ihm absolut gleichgültig ist, wer Präsident wird, und wer nicht. — ‚Sie wachsen auf wie die Schweine!‘ brummten kopfschüttelnd die Grauköpfe von beiden Geschlechtern in der neuen Gemeinde. ‚Ein Vergnügen ist es, es mit anzusehen, aber eine Schande ist es auch, wie das Zeug ins Kraut schießt. Es geht nicht länger so; für den nächsten Winter müssen wir für einen Schulmeister zusammenlegen, koste er, was er wolle. Aber mit Rat, Gevattern! es verläuft sich mancher von der Sorte hierher, dem man kein Ferkel zum Waschen anvertrauen möchte, wenn man ihn selber und seine Vorgeschichte im alten Lande genau kennte.‘ — Na, Fritze, du kennst mich und meine Vorgeschichte im alten Lande! was meinst du zu mir und diesen Reden und Beratungen in der Waldwirtschaft rund um mich her? Nicht wahr, du siehst es jetzt schon ziemlich klar vor dir liegen, wie es sich nachher alles gemacht und passend ineinander gefunden hat? Schwerenot, wollte ich dir jetzo eine Pfeife vom schwersten Lobtabak vorrauchen, so könnte ich es, daß du Fenster und Türen des Wohlduftes halber aufsperren müßtest. Neu-Minden aber existiert glücklicherweise noch; also reise du nur selber hinüber und höre dir, wenn dir daran liegt, an, wie die anderen von mir reden. Ich, der ich auf dem Steinhofe nicht der Herr und Bauer sein mochte, ich bin hoffentlich ein guter Bauer und Knecht in dem amerikanischen Walde gewesen. Aber ich bin auch durch des Großvaters Schrank — weißt du noch! — im Laufe der Zeit wieder mein eigener Meister geworden, wie wir Deutschen das Wort nehmen; ich habe eine Farm in die Wildnis hineingesetzt, die sich sehen lassen konnte und bald ihren Wert und Preis hatte. Weiß der liebe Gott, den Vetter nannten sie mich auch drüben bald auf zwanzig Meilen in die Runde, ohne daß ich dir sagen kann, wie es zuging. Von den Kindern ging es nicht aus. Die habe ich schon der Autorität wegen bei ihrem Mister Everstein erhalten. Bitte, reise wirklich morgen schon ab; — bloß um zu hören, wie sie hundert und mehr Meilen nordwestlich von Milwaukee von dem Mister Everstein sprechen, wenn sie zu ihren Buchstabierspielen aus allen Himmelsrichtungen her auf eine halbe Tagereise weit zu Pferde und zu Wagen zusammenkommen! Und ich habe es nicht bei dem bloßen Buchstabieren gelassen nach getaner Tagesarbeit mit Axt, Pflug und Spaten. Ein Exemplar vom alten Broeder war freilich nicht aufzutreiben, weder in Neu-Minden noch in Neuyork; aber da liegt schon in Minnesota am Mississippi ein Ding, das heißt Sankt Paul, und da hat mir wirklich und wahrhaftig einer einen Ellendt aufgetrieben, und wenn heute ein eingeborener Neu-Mindener einen Begriff oder eine Ahnung von mensa und amare hat, das heißt in der Römersprache, so bin ich der Mann, der schuld daran ist. O, und der pythagoreische Lehrsatz! Erinnerst du dich wohl noch an den Magister matheseos, Fritze Langreuter? und an meine Seelenseligkeit, als ich ihn heraus hatte und ihn dir als etwas, was unumstößlich seine Richtigkeit hatte, beweisen konnte? Du hättest die Tafelrunde von alten und jungen Neu-Mindenern sehen sollen, denen ich ihn gleichfalls bewies, mit Kreide auf der Tischplatte, am Winterabend mitten in der amerikanischen Wildnis und viel näher dem Lake superior als der Weser und dem Flecken Bodenwerder und dem Dorfe Kemnade! Siehst du, liebster Freund, so habe ich wenigstens einmal in der Fremde für voll gegolten in dem, was ich zu Hause für das höchste Ideal hielt. Jetzt bin ich mit Ruhe ein Bauer auf meinem alten braven Hofe. Alle Nachbarn sind mir wiederum willkommen wie vor Jahren in meiner Narrenzeit. Ich bin auch mit Vergnügen für jedermann wieder der Vetter Just, und manchmal denke ich wie mit einigem geheimen Vergnügen: hast du auch weiter nichts vor dich gebracht, Just, als daß sie nicht mehr hinter deinem Rücken über dich lachen, so ist auch das schon bei deiner angeborenen Dummheit und Faulheit etwas ganz Hübsches.“
„O Vetter Just,“ rief ich im hellen Enthusiasmus und, wahrhaftig mit Tränen in den Augen und einem heißen Kitzel in der Gurgel, „der Vetter Just bist du und bleibst du, und — bei den unsterblichen Göttern — höher als das kann es kein sterblicher Mensch auf dieser Erde bringen! O Vetter, wie freue ich mich, daß ich dich wieder im Lande weiß und von neuem dich auf dem Steinhofe besuchen und bei dir in die Schule gehen kann!“
Vierzehntes Kapitel.
Soweit waren wir vor Mitternacht gekommen. Nach Mitternacht erzählte der Vetter weiter, wie er durch harte Arbeit, klugen Sinn und treuherziges Beharren in jeglichem wackeren Vornehmen durch gute und böse, durch harte und linde Zeiten, durch schlimme Tage und schlimmere Nächte seinen Weg als ein fester, wirklicher und wahrhaftiger Mann sich in das Vaterland und zu dem alten Erbsitz zurückgebahnt hatte. Wenn nichts in der Welt feststehen bleibt als ein wirkliches und wahrhaftiges Kunstwerk, wenn alles andere vorbeigehend ist, so hatte dieser Mensch in seinem Leben ein echtes und gerechtes Kunstwerk fest hingestellt, zum Trost und zur Nachahmung für alle, die das Glück hatten, ihn kennen zu lernen. Das war old German-text-writing in der vollsten Bedeutung des Wortes! eine leserliche, dauerhafte Schrift mit allen ihren kuriosen Schnörkeln und Verzierungen! Wer darin seine Autobiographie niedersetzte, der konnte gewiß sein, daß sie manchem kommenden Geschlecht von Kindern und Enkeln merkwürdig, rührend und ermutigend sich in das Gedächtnis prägte. Und das deutsche Volk hat wahrlich dergleichen monumenta germanica recht sehr nötig; denn wenn unsere großen Leute dann und wann vielleicht weitherziger als die irgendeines anderen Volkes sind, so sind dagegen unsere kleinen häufig in eben dem Grade kläglicher, kleinlicher, engherziger, mürrischer und unzufriedener als irgendeine Menge, die eine andere Planetenstelle bewohnt; und — ach, wie oft hatte ich mich in den letzten Stunden im ganz geheimen an die Brust geschlagen und geseufzt: Gott sei mir Sünder gnädig! Ich seufzte es aber auf Griechisch: Ὁ θεὸς, ἱλάσθητί μοι τῷ ἁμαρτωλῷ. Wahrscheinlich, wie es mir jetzt vorkommt, um in der Befähigung dazu einen Trost zu finden; denn Griechisch konnte der Vetter wenigstens doch nicht!
Aber er erzählte nun davon, wie er seine alte Jule aus Bodenwerder abgeholt und im Triumph nach dem Steinhofe zurückgebracht habe, und das war wiederum mehr als Griechisch und Sanskrit.
„Ich hatte ihr natürlich,“ berichtete er, „auch von Amerika aus von allem Guten, was mir zuteil wurde, das ihr Gehörige zukommen lassen; aber der Tag, an dem ich selber heimkam, war doch das Beste, sowohl für sie wie auch für mich. Schade, daß ich euch — dich, Irene und Ewald — nicht von Schloß Werden dazu herüberholen konnte! Gottlob, Eva Sixtus und ihr Vater sind wenigstens dabei gewesen und mit von neuem auf dem Steinhofe eingezogen. Daß die ganze Umgegend auf den Beinen war, kannst du dir wohl vorstellen. Freilich bei mehr als einem guten Freunde, mit dem ich von meinem jammerhaften Abschiede her einen Schinken im Salze hatte, habe ich wohl ein Auge zudrücken müssen, wenn er mir am liebsten als mein allerbester Freund um den Hals gefallen wäre; aber ich habe es gern getan. Je mehr man sich den Wind draußen in der wilden Welt um die Nase hat wehen lassen, desto bescheidener wird man in seinen Ansprüchen an den Charakter der Menschheit und nimmt am guten Tage still mit in den Kauf, worüber man am schlimmen vor Wut und Ärger aus der Haut fahren möchte. Zwischen der alten Jule und manchem früheren guten Haus- und Hof- und Jagdfreunde ging es freilich nicht ganz so glatt ab, und manch einer bleibt heute noch ihretwegen weg vom Hofe, der meinetwegen wieder ganz behaglich seine Beine unter unserem Tische ausstrecken könnte. Die Weiber sind in diesen Dingen nämlich von einem viel besseren Gedächtnis als wir Männer, Fritze; und Gnade Gott manchem armen Sünder, wenn sie es durchsetzen und am Jüngsten Gerichte Sitz und Stimme kriegen. Gnade für Recht ergeht da gewißlich nicht; — selbst bei unseren deutschen Frauenzimmern nicht, welche immer noch die besten sind und die harmlosesten, was gleichfalls eine von meinen amerikanischen Erfahrungen ist, und die ich auch dir jungem Menschen, Fritzchen, mitgebracht haben will. Und es soll mich recht freuen, wenn du noch Gebrauch davon machen willst. Aber das ist ja alles nur beiläufig, nimm’s nicht übel; ich sage dir, Doktor, den Weg von Bodenwerder nach dem Steinhofe hättest du an dem Tage sehen sollen! Und dann unsere Ankunft auf dem alten ausgemergelten, nichtsnutzigen Haferacker — weißt du, an der Fenz — nein, Gott sei Dank, an der echten, richtigen Weißdornhecke und dem Plankenzaun, über den ihr mich so oft angecheer’t habt. Wenn es in meiner Erzählung hiervon etwas kraus durcheinander geht, so gehört auch das zu dem Spaß, denn es kommt einzig und allein daraus her. Sonst kann ich jetzt unter Umständen recht gut bei der Stange bleiben. Ich hatte selbstverständlich mich schon ein paar Wochen vor unserem Haupteinzuge auf dem Hofe installiert. Junge, und ich habe die ersten Nächte in meinem Erker auf Stroh geschlafen; und — o! — so hat lange keiner in dieser Welt der Plagen und schweren Sorgen und Arbeiten die Beine von sich gestreckt und die Arme unter dem Hinterkopfe zusammengelegt, mit dem Blicke an den alten kahlen Wänden herum und durch das Fenster in die Nacht hinein und dann in den dämmernden Morgen! Ich habe da wie ein König geschlafen, denn ich habe den größten Teil der Nächte verwacht; aber dagegen waren es sehr angenehme schlaflose Nächte. Ihr waret alle darin eingeschlossen, wie ich selber von meinem frühesten Aufmerken an. So liegend, müßte der Mensch eigentlich alle zehn Jahre sein Dasein sich zurückdenken können; dann könnte man sich auch alles Schlimme, Traurige und Wehmütige viel leichter mit Ruhe gefallen lassen und es erleben! Well, auf jede solche vergnügte Nacht kam dann der frische Morgen mit seinem hemdärmeligen Wirtschaften in dem verlorenen und wiedergewonnenen Väterreich. Was mir mein Vorgänger an lebendigem und totem Inventar mit in den Kauf gab, wollte nicht viel bedeuten, und für mich, der ich noch meine alte Inventur im Kopfe hatte, gar nichts. Da mußten mir neue Gäule, Kühe, Schweine und Ziegen in die Ställe; — ihren Hühnerbestand mußte Jule Grote wiederfinden, wie sie ihn aufgegeben hatte, und die Gips-Venus mußte auch auf den Ofen wieder hin, sonst war die ganze Geschichte nicht das halbe Pläsier. Und Tische und Bänke hatten sie mir in meiner Abwesenheit gleichfalls derartig verrückt, daß ich mit vier Fäusten und acht Beinen hätte greifen und laufen mögen, um nur die allernötigste Ordnung wieder hereinzubringen. An Karl Ebeling erinnerst du dich wohl nicht mehr? Das war ja unser Junge zu unserer Zeit auf dem Hofe! Na, siehst du, es freut mich, daß dir der Lümmel doch wieder frisch in der Erinnerung aufgeht! Er hat damals manchen Wurf mit dem Pantoffel und manchen Schlag mit dem Küchenbesen, der moralisch mir gehörte, aushalten müssen; und nun male dir meine Genugtuung, daß ich das Ungetier (einen anderen Namen hatte Jule Grote ja nicht dafür!), voll ausgewachsen, mannbar und mit einem Schatz versehen, und dazu als Reserve-Unteroffizier, wieder habe, und zwar als unseren Oberknecht! Er sitzt jetzt mit Anstand zu meiner Linken an unserem Tische in der alten Stube, weißt du; aber ein anderes Exemplar von ihm in seiner lieben Jugend und Gefräßigkeit und Flegelhaftigkeit habe ich, Gott sei Dank, dazu wieder mir gegenüber am anderen Ende des Tisches. Karl Eggeling heißt der Schlingel heute; na, und ich muß mir doch manchmal in den Ärmel lachen, wenn ich wieder einmal zu erfahren habe, daß die alte Jule immer noch nicht milder und sanfter gegen diese Spezies von der männlichen Gesellschaft gestimmt ist. — Die alte Jule! da sind wir wieder bei ihr und ihrem Einzuge auf dem Steinhofe. So in Tränen gebadet habe ich noch kein Frauenzimmer bei keinem irdischen Zufall und weder in Amerika noch in Europa erblickt! Du hättest ihr das größeste Unrecht antun können, und es hätte diese Flut nicht aus dem Schütt gelassen. So weich wie das Glück hatte das Unglück sie längst nicht gemacht. Freund Stakemann, der auch noch lebt, Fritz, — du weißt, Stakemann, der mich damals so treu brieflich warnte, als es längst zu spät war! — Stakemann, der immer der alte vergnügte Kerl geblieben ist, kam leider auch hier mit seinem Witz post festum. Die spaßhafte Bemerkung, daß der Weg von Bodenwerder her wohl nächstens unter Wasser stehen, und daß man sich demnächst in Bremen über das große Wasser wundern würde, hatte ich bereits gemacht, geradeso wie damals, das heißt, die Jahre vorher, meine Geschäfte mit dem Doktor Schleimer, dem ich, wieder beiläufig, leider nicht in den Vereinigten Staaten begegnet bin, um ihm offenherzig meine Meinung sagen zu können. — Sonst war mir übrigens selber eigentlich auch gar nicht spaßhaft zumute, sondern sehr im Gegenteil. Ich saß da auf dem Leiterwagen und hielt den Arm um die Alte und tröstete sie und mich nach besten Kräften in unserem Glück. Es ist keine Kleinigkeit, selbst im glücklichsten Fall, sich um soviel älter — alt — und in diesem auch als Greisin zu sehen und zu fühlen, daß man noch einmal eine glückliche Minute herausgefischt hat! Ich weiß nicht, Langreuter, ob ich dir das nach der Syntax vortrage, aber eine Wahrheit ist es, verlaß dich drauf. Nicht wahr, alter Freund, wenn einer den anderen so recht verstehen soll, dann braucht der nur recht unverständlich zu sprechen, wenn er seine Meinung nur recht tief aus dem Grunde heraufholt?! Daher, wo man gar nicht mehr weiß, ob man aus seiner eigenen Seele spricht oder der des anderen!… Nun spricht man häufig davon, daß es sehr süß ist, eine junge Geliebte vom Wagen zu heben, um sie in die neugegründete Heimat einzuführen. Ich glaube dieses herzlich gern, obgleich ich es leider noch nicht selber an mir und an einem guten Mädchen probiert habe; aber sozusagen etwas Bräutliches hatte auch Jule Grote an sich, als sie mit ihrem Anverlobten, dem Steinhofe, wieder zusammenkam nach so langer Trennung und hoffentlich jetzt auf immer. Während des Zwischenreichs und der Fremdherrschaft hatte sie natürlich keinen Fuß in die Gegend gesetzt: ‚Zehn Pferde hätten mich nicht in das Hoftor gezogen, Just!‘ rief sie einmal über das andere, während sie jetzt durch alle Stuben und Kammern, treppauf und treppab, durch Stall und Garten humpelte und mich mit seligen Tränen in den Augen auf alles aufmerksam machte, was das ‚fremde Volk während seiner Herrschaft nach seinem Gusto verändert oder gar ganz schandbar verrungeniert hatte‘. Wir gingen alle mit ihr, und weißt du, Fritz, was nach meinem Vergnügen an der Alten mir das Lieblichste war? Das war unsere liebe Eva Sixtus, die ihren alten Papa führte und, immer verstohlen mit ihrem weißen Taschentuche an den Augen, wie ein weinender Frühlingsmorgen aussah. Es war ein wahres Glück, daß Stakemann fortwährend seine schlechten Witze und altbekannten nichtsnutzigen Bodenwerderschen Redensarten und Anekdoten uns dabei zum Besten gab; die Sache hätte sich sonst wirklich für einen Bürger der Vereinigten Staaten von Nordamerika zu sehr ins Gerührte verlaufen. Du hast unsere liebe Eva wohl lange nicht gesehen, Fritz? Das ist sehr schade. So jung wie vor zehn oder zwölf Jahren ist sie heute nicht mehr; aber das muß ein heikler Patron sein, für den sie nicht in die Länge und in die Breite in die allersüßeste Frauenfreundlichkeit sich ausgewachsen hat! Und dann solltest du den Förster über sie hören! Hast du selber einen Speech auf der Seele, so laß ihn um Gottes willen nicht zum Worte über sie kommen. Da redet er kopfwackelnd das allervolkreichste Meeting vom Stump zu Tode. Freilich, was mich betrifft, so bringe ich ihn immer mit dem größesten Vergnügen auf seine Tochter, sein liebes Mädchen, und dir, Fritze Langreuter, würde es wohl ebenso gehen, wenn du dir unter deinen jetzigen großartigen und weltgelehrten Verhältnissen noch das alte bescheidene Herz und Vergnügen an allen diesen unseren alten Dingen und Leuten von Schloß Werden, dem Steinhofe und der Umgebung hättest bewahren können. Daß das freilich nicht gut möglich ist, sehe ich aber recht gut ein, mein Junge!“ ……
Ich hatte mir geschworen, den Menschen nicht zu unterbrechen, und ich unterbrach ihn auch jetzt nicht; aber ich sprang auf vom Stuhl, knöpfte mir die Weste auf und trat auf längere Minuten an das Fenster, um die brennende Stirn an die Scheiben zu drücken und auf das dem Morgen hastig zutreibende Gewölk zu sehen und auf den Wind zu horchen. Als ich an den Tisch zurückkam, hatte sich der Vetter Just eine frische Pfeife gestopft und hielt eben das brennende Zündholz darauf. So gleichmütig und phlegmatisch, als ob er mir nicht das geringste gesagt habe, was einen Privatdozenten ohne Zuhörer und einen Doktor der Philosophie ohne Philosophie aufregen könnte. Und jetzt sagte er noch dazu:
„Wahrhaftig, wenn man so ins Schwatzen kommt!… zwei Uhr am Morgen! Bei uns auf dem Steinhofe fangen da schon die Hähne an zu krähen. Und ich sitze hier und rede und rede und bedenke gar nicht, wie ich dich von der nächtlichen Ruhe abhalte, und wie kostbar gerade deine frischen Morgenstunden für die gelehrte Welt und die Wissenschaften sind. Aber guck, Fritz, so bleibt ein Deutscher immer ein Deutscher! Ein echt eingeborener Nordamerikaner hätte dir einfach gesagt: Ich habe den Steinhof wieder; wenn du Lust hast, male dir alles übrige dazu oder laß es bleiben. — Ich dagegen sitze hier und möchte dir auf jeder Faser und Fiber in mir meine Gefühle und Erlebnisse in der alten Heimat nach der Heimkunft vorspielen und frage den Teufel danach, ob das dir noch interessant ist oder nicht. Aber jetzt auch kein Wort mehr! Wo ist mein Überrock? Hier. Und hier ist mein Hut. Jetzo setze deiner Güte und Geduld die Krone auf und leuchte mir die Treppe hinunter. Den Weg nach meinem Wirtshause finde ich schon; hoffentlich aber kehren mehr Leute von meiner Art da ein, die sich leicht festschwatzen nämlich, wenn sie nach Jahrhunderte langer Abwesenheit und Trennung einen guten alten Freund und Bekannten zufällig wieder getroffen haben und ihn in ihrer Zufriedenheit mit der Welt in den Schlaf oder über den Schlaf weg, aber sicher halb tot reden. Allein möchte ich auch in diesem Falle nicht in der Welt stehen.“