Ich meinesteils habe mich in meinem engen Reiche nie über eine aristokratische Mißachtung zu beklagen gehabt, wohl aber ziemlich häufig über des edlen deutschen Philistertums verzogene Schnauze ein vergnügtes Lächeln mit einiger Mühe unterdrückt. Wir deutschen Gelehrten usw. haben wahrlich keinen Grund, das: Krieg den Palästen! durch unseren Tabaksdampf nachzubrummen. Wahrlich, wenn es uns Spaß macht, so dürfen wir unsere Fehdebriefe da dreist an ganz andere Türen als die unserer früheren Reichsunmittelbaren usw. anheften.

Einer von den letzteren und zwar ein sehr guter Bekannter aus den Hörsälen der Universität und von manchem „wissenschaftlichen Abend“ her war es, der uns über die Schwelle, die wir eben überschreiten wollten, entgegentrat.

„Sieh da, Doktor! Was für ein guter, närrischer oder gar böswilliger Geist führt denn Sie in dieses Haus, wenn ich fragen darf?“

„Ich komme jedenfalls unter dem Geleit eines guten, treumeinenden Führers, mon prince,“ erwiderte ich. „Ich wünsche eine Jugendbekanntschaft zu erneuern, Durchlaucht.“

Die Durchlaucht oder Erlaucht hatte den Vetter höflichst gegrüßt und dieser den Gruß ebenso zurückgegeben.

„Eine Jugendbekanntschaft? Darf ich fragen, mit wem, lieber Freund und gelehrter Gönner?“

Ich stellte zuerst die beiden Herren einander vor, und sie begrüßten sich noch einmal. Dann beantwortete ich die an mich gestellte Frage, indem ich Irenes jetzigen Namen nannte, aber auch ihren Mädchennamen hinzufügte. Der Fürst ** sah mich einen Augenblick betroffen an, dann ergriff er meine Hand und rief:

„Die?! Die Herren sind Bekannte — Freunde der armen Frau? Ach, es ist ja richtig, Doktor, Sie stammen mit ihr aus einer Gegend her. O, meine Herren, ich habe in Wien diese Ehestandstragödie mit durchgemacht und auch eine Rolle darin gespielt. Ich war ein Zeuge bei dem Duell, in dem endlich zu allgemeiner Befriedigung in unserem gesellschaftlichen Verkehr ein schwarzer Strich über den Namen Gaston von Rehlen gezogen wurde. Die Rehlen sind von fernher mit uns verwandt, und nach meinen schwachen Kräften habe ich das meinige getan, die unglückselige Frau da oben in ihrem trostlosen Leben aufrecht zu erhalten. Mein Vater ist ein Jugendfreund des alten Herrn auf Schloß Werden gewesen; — so laufen die Bezüge zwischen uns durcheinander. Ach, meine Herren, ich wollte, Sie wären etwas früher gekommen. Vielleicht hätten Sie einen frischen Hauch in die schwüle Stunde mitgebracht, in der ich eben dort oben auf Kohlen gesessen habe. Sie treffen übrigens auch den Arzt dort an. Das Kind ist seit der vergangenen Nacht wieder recht krank; der Medizinalrat macht mit der Uhr in der Hand am Bette der Kleinen das bekannte Gesicht und ist mir auch bis vor die Tür nachgegangen und hat mir als einem Familienfreunde seine Meinung nicht vorenthalten. Das kleine Mädchen liegt bereits im Sterben, und als wirklicher Familienfreund halte ich das bei dem geistigen und körperlichen Zustande des armen Geschöpfes für ein Glück!“

Der Vetter Just stieß einen Laut hervor, der ein Seufzer war, aber auch eine grimmige Verwünschung bedeuten konnte.

„Meine Herren,“ fuhr der Fürst fort, „ist es nicht recht bizarr, daß wir uns von all diesen Angelegenheiten hier so zwischen Tür und Angel unterhalten? Bester Doktor, demnächst muß ich mich unbedingt einmal wieder zu einer Tasse Tee bei Ihnen einladen, und dann müssen wir mehr über die Frau da oben reden. Sie interessiert uns alle in dem weitesten und in dem engsten Kreise; ich spreche aber hier nur von dem letzteren als dem meinigen.“