In dem Nebengemache war das leise, klagende Gewimmer wieder still geworden, und der Vetter Just setzte sich wieder zu uns. Es war gegen sechs Uhr am Nachmittage und die Sonne eben dem Untergange nahe. Der Vetter seufzte schwer und gab wortlos der alten soeur ignorantine die Hand. Mademoiselle ließ die Schuhe von den Füßen fallen und ging auf den Strümpfen zu der Tür des Nebenzimmers, kam zurück und fragte:

„Schläft sie auch? Sie hat den Kopf mit auf das Kissen gelegt.“

„Weiß nicht,“ sagte der Vetter kaum hörbar. „Ich wollte es wohl, aber ich glaube es nicht. Sie horcht nur.“

Wir horchten alle; dann ging Mademoiselle mit ihren Pantoffeln in der Hand von neuem ihren Haushaltungsgeschäften nach, und in der immer mehr über uns hinsinkenden Dämmerung waren jetzt Just Everstein und ich wieder für eine Zeit allein einander gegenüber gelassen.

„Es kann noch Stunden dauern. Ich kenne das leider nur zu genau aus mancher Ansiedlerhütte drüben, jenseits des Atlantic. Wir hatten dort immer nur Calomel und wieder Calomel; aber es ist egal, denn es bleibt immer dasselbe, hier und im Hinterwalde. Die Mütter legen dann immer ihren Kopf mit auf das Kissen,“ sagte der gelehrte Bauer vom Steinhofe. „Sie machen auch die Augen zu, und wer sonst dabei sitzt, kann nichts tun, als stille sein. Wolltest du etwas sagen, Fritz?“

Ich hatte nur einen etwas tieferen Atemzug getan, und so fuhr gottlob der Vetter fort.

„Man sitzt da still, wenn das Kind sterben will und die Mutter weiter lebt, und hat doch Zeit, an allerlei anderes zu denken. Von den größten und wirklichsten Wundern spricht, schreibt und druckt kein Mensch und kein Evangelium! Dies ist nun so eine Stunde, in der man mancher Angelegenheit, welche man sonst nicht so leicht anrühren würde, freimütiger auf den Grund geht, weil alles rundum ernst genug dazu aussieht und selbst der Mißtrauischste nicht an pure Neugier oder albernen überflüssigen Vorwitz denkt. Fritz Langreuter, unsere Eva Sixtus hatte dich einmal sehr gern. Weshalb hast du das nicht merken wollen?“

Es schwamm mir vor den Augen, die heißesten Blutwellen drängten sich nach dem Herzen und Hirn, es hämmerte sinnbetäubend; der Boden schwankte unter mir.

„Mich?… Ich?!“ stammelte ich, und der Vetter Just ergriff meine Hand und hielt sie während des folgenden in der seinigen fest.

„Natürlich!“ murmelte er. „Er fragt! Er weiß gar nichts! O, wenn ich nur wüßte, wo ihr Menschenkinder in der besten Zeit eures Lebens eure Augen und Ohren hattet!… Dich hatte sie lieb!“ …