„Mich?“ wiederholte ich durch eine See von Wonne und — Angst, nach einem unbekannten, noch unsichtbaren Ufer mich durchringend.

„Wen denn anders?“ fragte der gelehrte Bauer vom Steinhofe, und ich fühlte, wie seine Hand dabei erzitterte; und meine Angst, die tödliche Angst in mir, hatte darin ihren Grund, daß ich wußte, was dieses Zittern bedeutete.

O Vetter Just! Vetter Just!

Als ob er mit einem anderen spräche, den Blick in die Weite gerichtet, fuhr Just Everstein fort:

„Da saß ich, der dumme, übergeschnappte Bauerjunge, um so manches Jahr älter als ihr, unter der Obhut und Vormundschaft von Jule Grote, zwischen meinen Düngerhaufen und Ackerfeldern, Wiese und Wald, und sah alles wie im Traume und doch ganz klar. Ich will nicht behaupten, daß ich der Gescheiteste von der Gesellschaft war, denn der ist und bleibt Freund Ewald, der ohne allen Traum und Duselei ebenfalls ganz klar sah und ganz genau wußte, wie er zu der Komtesse Irene stand und sie zu ihm. Er ist nicht ohne seine stichhaltenden Gründe in die Welt und nach Irland gegangen und schreibt wenig nach Hause. Wie Vieles möchten wir anders haben in der Welt, was doch nicht sein kann! Da sitzt sie; — horch, und ihr Kind ist wieder wach, und sie spricht zu ihm, zu ihrem sterbenden Kinde; und niemand darf sie fragen, ob es nicht doch möglich gewesen wäre, daß dies alles hätte anders sein können!… Von ihr und Ewald rede ich auch gar nicht; da wird noch lange Zeit hingehen, ehe die Menschen es für etwas Selbstverständliches halten werden, auf der Erde zu ihrem Behagen unter dem rechten Dache zu Schauer zu kriechen. Nach deinen Versäumnissen möchte ich dich fragen, Fritz! nimm es mir nicht übel; — es findet sich aber vielleicht keine bessere Stunde dazu in unserem Leben als diese gegenwärtige sehr melancholische und sehr — ich weiß nicht, wie ich mich darüber ausdrücken soll!“

Er sagte es wirklich, daß er nicht wisse, wie er sich über diese Stunde ausdrücken solle. Hätte er ein Wort dafür gefunden, so würde er freilich die deutsche Sprache für all ihre Zeit dadurch bereichert haben. Was mich anbetraf, so war es nicht nötig, daß er noch ein Wort fand oder erfand für sich. Ich wußte bis in die tiefste Tiefe seiner und meiner Seele hinein, was er mir deutlich zu machen gewünscht hatte.

Aber ich?!……

In diesem Augenblick rief Irene aus dem Nebenzimmer angstvoll und laut unsere Namen. Der Vetter Just und ich, kamen an diesem Abend nicht mehr dazu, unsere Privatangelegenheiten weiter zu erörtern. Gegen Mitternacht starb das Kind.

Zweites Buch

Erstes Kapitel.