Da half ich mir denn auf eine andere Art. Der hat noch nie gelesen, der nie in solchen Stimmungen das wieder las, was ihm in seiner seligen Jugend, wenn es in seinen Händen ertappt wurde, als „das dümmste Zeug auf Gottes Erdboden“ um die Ohren geschlagen wurde!
Gottes Segen über das Lesefutter der großen Menge und der Jugend! Heil und Segen denen Lieferanten, die heute in dieser Hinsicht für jene sorgen, welche nach einem Menschenalter alt, enttäuscht, krank und verdrossen sein werden!
Verdrossen in sehr hohem Maße griff ich jetzt von neuem nach dem, was ich mit so unendlichem Vergnügen verschlungen hatte, als ich noch jung war und noch nichts wußte von aller Welt Verständigkeit und Kritik. Die gewöhnlichsten Produkte jener Art, die das Bekannteste, aber auch ewig Gültige in der abgeschmacktesten Verzerrung bringt — die alten, drolligen, pathetisch-lächerlichen Geschichten von Eduard und Kunigunde, in all ihren kuriosen Variationen, das war jetzt etwas für den Doktor Friedrich Langreuter! Diese schlecht gedruckte und noch schlechter stilisierte Abenteuerlichkeit in Original und Übersetzung, der süße, haarsträubende, heitere, tränenreiche Unsinn, in den die Fliederlaube hineingerauscht und geduftet hatte, über den voreinst der Baum seine roten und weißen Blüten schüttelte, den die Vögel mit ihren Stimmchen akkompagnierten, über den die weißen Sommerwolken im Himmelblau hinsegelten, von dem einen der Schulmeister aufscheuchte und in die lateinische Stunde trieb: Das ließ sich jetzt wieder in den halbvermoderten, abgegriffenen, übelduftenden, durch tausend und abertausend Hände gelaufenen Bänden nach seinem unveränderlichen Verdienst würdigen von dem oben genannten Doktor der Philosophie Friedrich Langreuter!
Da saß der alte Bursche und las wieder, wenn man das überhaupt lesen nennen konnte. Es genügte eigentlich schon, die guten alten Bekannten in Pappband mit Lederrücken und Ecken in der Tasche nach Hause getragen und das Titelblatt aufgeschlagen zu haben. Was war alle klassische Plastik und ästhetische Wahrheit gegen die Lebendigkeit, mit der sich hier die Karikatur bei der bloßen Berührung in der Erinnerung füllte? Ach, es waren ja eben nicht bloß Kunigunde und Eduard mit all ihrer Verwandtschaft in auf- und absteigender Linie, was hier wieder zu etwas wurde, was lachen, jauchzen, weinen, sich hinter dem Ohre kratzen, vor Wut außer sich geraten und vor Bekümmernis und Reue sich in den Winkel verkriechen konnte!
Was hatten Schloß Werden und der Steinhof und die Gärten, Wiesen, Felder und Wälder ringsum mit den unmöglichen Schlössern, Bauersitzen, Försterhäusern, Wäldern, Feldern, Wiesen und Gärten dieser närrischen Bücher gemein? was der gelbe ehrliche Fluß, der durch unsere Jugendwelt rauschte, mit den so absonderlich prachtvoll blitzenden Wassern, in denen sich dann und wann die lustig-tragischen und trübselig-komischen Gestalten und Bilder dieser wundervollen Autoren spiegelten?
Alles! —
Es ist immer eines und dasselbe, dieses unergründliche Meer der Phantasie, auf das der bedrückte Mensch stets von neuem von dem nüchternen, grämlichen Ufer der Wirklichkeit hinaussteuert! Es ist immer derselbe Wind in den Segeln!
Wehe dem, der niemals die grauen vier Wände um sich her mit diesem flimmernden, über die Stunde wegtäuschenden, segensreichen Lichtglanz überkleiden konnte!
Was ist die nichtige dumme Phrase: Mein Haus ist meine Burg! gegen die so sehr unpolitische, so selten ausgesprochene, und doch so tief und fest, ja manchmal mit der Angst der Verzweiflung im Herzen festgehaltene Überzeugung:
Mein Luftschloß ist mein Haus!