So saß ich damals, nachdem wir das kleine Mädchen der Frau Irene begraben hatten und der Vetter Just ganz beiläufig mir den Namen und die Gestalt und die Stimme der lieben Eva Sixtus in die Erinnerung zurückgerufen hatte; und da ich nicht mehr neue Luftschlösser in die ziehenden weißen und rosigen Wolken, in das Himmelblau, in den Regenhimmel zu bauen vermochte, so — kramte ich unter den Trümmern der versunkenen und paßte aneinander, was auseinander gefallen war, und richtete wieder auf — gerade so in der Einbildung wie vor Jahren, doch leider nicht mehr so fest wie damals. Es war schon lange die Zeit für mich da, wo der Mensch einzig und allein auf den Riegel an seiner Tür als den besten Wächter vor seinen guten Augenblicken, Stunden und Tagen angewiesen ist. Tagen?!… Wer kann, wenn er diese Epoche seines Daseins erreicht hat, den Riegel einen Tag lang vorgeschoben halten, um versunkene Luftschlösser wieder aufzubauen?
Die Juniuswinde hatten bereits das Korn in das Land hineingeweht, als „Thomas Thyrnau“ oder vielleicht auch „St. Roche“ oder „Jakob van der Nees“ das Buch hieß, das auf meinem Tische unaufgeschlagen lag. Jedenfalls aber war es ein Produkt der Verfasserin von „Godwie Castle“, und die Mädchen, Irene von Everstein und Eva Sixtus, hatten einst in dem Gartensaale von Schloß Werden die heißen Köpfe darüber zusammengesteckt und die tränenvollen Augen verstohlen darüber getrocknet. Und ich hatte das Ding dann auch in meiner Kammer verschlungen, und Freund Ewald hatte sich in gewohnter Unverschämtheit nicht nur über das Buch, sondern auch über uns drei ins altromantische Land Entrückte lustig gemacht. Es war nicht der Band, vor welchem die wirklich fein, vornehm und gut aussehende Verfasserin und Lieblingsschriftstellerin Friedrich Wilhelms des Vierten in Stahlstich abgebildet ist; aber das war auch die einzige Enttäuschung für mich, als ich ihn zu Hause nach so langen Jahren wieder auf- und sogleich wieder zuschlug. Sonst hielt er alles, was ich mir davon versprochen hatte, als mir der Zufall den Titel in dem Leihbibliothekskatalog in die Augen spielte.
Gottlob!
Dieser Ausruf bezog sich auf den Riegel an der Tür, den ich vorgeschoben hatte, nachdem ich den Schlüssel im Schlosse umgedreht hatte gegen einen wieder einmal für mich nicht ganz geheuren Tag, der nunmehr in die sommerliche Abenddämmerung überging. Und es war durchaus kein in ärgerlicher oder geistig-beschwerlicher und überhasteter Arbeit hingebrachter Tag, sondern einer von den faulen, trägen, apathischen, die, wenn sie einer hinter dem anderen hinschleichen, auf die Länge noch unerträglicher werden als die erste Art. O über diese langen, schleppenden Stunden, die bei dem Regsten, Lebendigsten nach zurückgelegtem dreißigsten Lebensjahre sich einzuschleichen beginnen und sogar durch den Kampf mit ihnen dann und wann nur vervielfältigt werden! Das sind die Tage, in denen man sich selber wie ein Charakter in einem schlechten Romane vorkommen kann, ein unmögliches Geschöpf, mit dem der Autor eben auch nichts anzufangen wußte. Öde Makulaturstimmung! das ist das richtige Wort; und — ein Lachen oder Weinen über und um einen scheint es nie in der Welt gegeben zu haben in dieser Stimmung!
Und nun, wie kam es, daß ich mich plötzlich über die Verfasserin von Godwie Castle weg auf einer stillen Berglehne, unter der fußhohen Tannenanpflanzung und im Thymiansduft und der brütenden Abendsonne der Jugendzeit wiederfand?
Es ist schwierig zu sagen, wie gerade in diesen Fällen seelischer Bedrücktheit aus Dunkelheit Licht wird; und ich hüte mich auch wohl, die Lösung mit zu großer Anstrengung zu suchen. Der vorgeschobene Riegel aber tut unbedingt viel dazu, und um so mehr, je hastiger und verworrener das Leben jenseits der Tür sich bewegt und vor dem Fenster rauscht……
„Ich bin’s, Herr Doktor!“
„Wer? in aller Plagegeister Namen!“
„Ich, Herr Doktor. Die Witwe Maier. Und dann der fremde Herr wieder, der heute morgen schon einmal da war und seinen Namen nur Ihnen selber sagen wollte.“
Ich hatte die Stimme meiner Frau Hauswirtin bereits erkannt.