„Nun, so komm, Fritz Langreuter. Nach einer Reise wie die deinige solltest du freilich schon längst im Bett liegen —“

„Und recht angenehm von euch hier und euren Zuständen träumen! O, du Egoist, und du willst wachend hoch zu Roß währenddem durch die Mondnacht jagen und mit kitzelndem Behagen deinen Spaß über den Berliner Doktor haben?“

„Ganz gewiß nicht, Fritze“ meinte der Vetter ehrlichst. „Solange du willst, führe ich den Gaul am Zügel hier an deiner Seite. Vielleicht wäre es sogar recht gut, du gingest den ganzen Weg mit mir und erzähltest an meiner statt der Frau Irene, wen du heute nach Schloß Werden begleitet hast. Ach, Fritz, du weißt zu sprechen und deine Worte zu stellen, ich aber nicht! Mir muß alles abgefragt werden, und mir ist dann stets, als wäre alles, was dann herauskommt, als sei es durch Zufall gekommen. Sieh, alter Kerl, das Gegenteil hiervon ist’s eben, was ihr Gelehrten alle Zeit vor uns voraus habt, die wir zum Nachdenken kommen so wie ich, heute bei Regen, morgen bei Sonnenschein, heute hinter dem Pfluge und morgen auf dem Stoppelfelde bei den letzten Erntegarben. Es ist gar keine Logik darin, und dann am wenigsten, wenn man sie am nötigsten braucht. Und daß man fast zehn Jahre lang in den Vereinigten Staaten den Schulmeister gespielt hat, hilft gar nichts dazu. Und Fritz, Fritz, lieber Fritz, da wir jetzt wieder zwischen uns beiden allein sind — ich habe das Schwabenalter längst hinter mir und — und Eva Sixtus will meine Frau werden! Du hast es wohl schon lange gemerkt, aber — gottlob — jetzt habe auch ich es dir gesagt!“ …

„Und ich wünsche dir von ganzem Herzen Glück dazu,“ sagte ich, des Mannes brave, starke Hand nehmend und drückend. Er aber sah mich im Mondlicht noch einmal einen kürzesten Augenblick so an, als ob er ganz und gar das Gegenteil von diesem meinem Wunsche zu hören erwartet habe, und dann tat er einen Seufzer wie aus befreiter Brust und rief:

„Und das ist mir das Liebste, was mir nach ihrem Jawort begegnen konnte, daß auch du mir Glück wünschest. Ich bin nun leider schon so ein zerzauster alter Kerl, und sie ist immer noch jung, und du bist auch noch jung, Fritzchen — wenigstens — wenigstens recht viel jünger als ich; und wenn ich in meiner jetzigen Ruhe und meinem Glück und Behagen an die alten Tage denke, wo ihr junges Volk zum Besuch nach dem Steinhofe kamt, so — — ach, Fritz, Fritz Langreuter, du mußt es doch wohl dir selber sagen, was ich in diesem Moment dir sagen möchte! Aber die Frau Irene weiß es auch und hat Eva geküßt und — mich auch, wirklich und wahrhaftig! Wenn du sie gleichfalls fragen willst: sie billigt auch unser Vorhaben, unsere alten Tage in Friede und Glück und in der alten Freundschaft mit der ganzen alten Heimat zu verleben. Sie hat nicht gemeint, daß es zu spät sei; — sie, die soviel mehr als wir alle übrigen zusammen in der boshaften, stürmischen Welt erlebt hat, und es also auch wohl am besten verstehen muß.“

„Sie hat vollständig recht, Just! Aber von uns allen bist auch du nur der einzige, der nie etwas zur unrichtigen Zeit erleben kann, dem alles recht und richtig gekommen ist im Leben, Segen wie Ungemach. Ja, so gnädig waren dir, und dir von uns allen allein, die Götter, als sie dir deine Wiege auf den Steinhof stellten und dich nachher an den Weg setzten —“

„Mit offenem Munde und um Maulaffen feil zu halten! Ei ja, es wundert mich freilich heute noch, wieviel Abenteuer der Mensch erleben kann, ohne daß er etwas dazu tut. Manchmal ist das gar mein Kummer und Gewissensbiß sozusagen; dann fühle ich es, wie als ob ich eine Stelle in mir hätte, wo ich im größten Tumult wie ein Stück Holz werde, während die anderen sich weiter abängsten.“

Das stille Licht des Mondes lag über uns und um uns, und der Vetter Just sprach, ohne es zu wissen, von dem Unterschied zwischen den vornehmen Naturen innerhalb der Menschheit und den gewöhnlichen. Er drückte sich eben nur schlecht aus, wenn er da von einem ton- und klanglosen Stück Holz sprach, wo er von der Stelle in seiner Seele hätte erzählen sollen, wohin keine Welle des vorbeifließenden Tages schlagen konnte.

„Ihr werdet ein schönes Leben haben, und mich laßt ihr — alle dann und wann an eurem Herde als euren Historiographen niedersitzen,“ sagte ich leise und tief gerührt. „Für Kinder, wie wir waren, als wir zu dir auf den Steinhof zu Besuche kamen, werdet ihr freilich nicht erzählen und werde ich nicht wieder erzählen.“

In und an dem Dorfe Werden hatte sich in den Jahren, während ich es nicht sah, nichts verändert. Es dehnte sich genügend weit in die Länge aus, daß wir vollkommen Zeit hatten, während wir es durchwanderten, uns alles das mitzuteilen, was ich eben hier niedergeschrieben habe. Von den Bewohnern störte uns auch niemand dabei; sie lagen sämtlich im tiefen Schlafe. Es saß keiner bei der Lampe wach, — selbst der Pastor und der Kantor nicht. Der Mondenschein hatte das Reich für sich allein, und das war gut; für mich sowohl wie auch für den Vetter Just Everstein. Wären wir bei hellem Tage und unter dem Zudrängen alter Bekanntschaft durch das alte Nest im Grünen gewandelt, so würden wir sicherlich mehr Mühe und Plage gehabt haben, mit unseren Gefühlen und Stimmungen ins Reine gegeneinander zu kommen. Sonderbarerweise aber dachte ich in dieser hellen, schönen Nacht, auf dieser Wanderung durch das friedliche vergessene Heimatdorf, nicht ohne ein Gefühl stiller Sicherheit an die große Stadt Berlin, meine kleine Stube und meine Tätigkeit, kurz an das Dasein, das mir dort zuteil geworden war. Es lag ein Gefühl von Wehmut darin, aber doch zugleich eine innerlichste Beruhigung: sie, die anderen alle konnten und durften heimkehren in das alte Leben, wann sie wollten, sie waren da zu Hause; ich aber nicht oder doch nie mehr so, wie sie noch zu jeder Zeit sein konnten. Resignation nennt man das mit einem Fremdwort, das wir wohl nicht so leicht aus dem deutschen Sprachgebrauch loswerden. Die deutsche Welt darf manchmal noch so süß in Mondenlicht und in weiche Redensarten gebettet liegen: wir wollen das scharfe, aber gesunde Wort festhalten und es uns durch kein anderes zu ersetzen suchen.