Jetzt betraten wir den Hof wieder durch das Haupttor, durch welches am Todestage des Vaters der Wagen, der den guten Kameraden, die Mutter und mich trug, eingefahren war. Zu dieser Tür hatte der jetzige Besitzer und Herr keinen Schlüssel nötig, sie stand weit genug offen. Die eisernen Gitter waren ausgehoben, die Wappen mit dem Eberkopfe abgemeißelt, und was die letzteren anbetraf, so hatte der vorletzte Eigentümer sicherlich nicht gewußt, „warum er sich auf seinem Grundstücke durch die fremde Firma ärgern lassen sollte“. — Über wohlerhaltene Pflasterung war vordem unsere Kutsche gerasselt, die Steine waren nunmehr meistens verschwunden und machten wahrscheinlich im Dorfe jetzt allerlei bedenkliche Pfade den Bauern bei Regen und Tauwetter gangbar. Aber schöne Brennesseln wuchsen überall, auch Kletten und Disteln hatten nicht eingesehen, weshalb gerade sie draußen bleiben sollten, da doch alles übrige, was Lust hatte, frei kommen durfte.
Noch führte die breite Treppe zu der Rampe empor, die sich, wie ich zu Eingange dieser Geschichten von den alten Nestern beschrieben habe, an dem Gebäude entlang zog. Wir traten da auch heute noch in den kühlen Schatten, den das graue Steinhaus auf den sonst so sonnigen Hof warf.
Da war die hohe, gewölbte Tür, die in das Schloß führte, und Ewald Sixtus hatte nicht bloß seinen Schlüssel darin stecken lassen, sondern die beiden Flügel weit aufgeworfen; und da sie gleichfalls nicht mehr ganz fest in den Angeln hingen, so hatten sie ihrerseits jetzt die günstige Gelegenheit benutzt, die Verbindung mit denselben so ziemlich zu lösen.
Haus Werden stand weit offen, und sein jetziger Herr lud mich mit einem Achselzucken, einer höflichen Handbewegung, einem neuen tiefen Seufzer und mit etwas gezwungenem Lächeln zum Eintritt ein, indem er brummte:
„Du bist gelehrt, sprich du mit ihm, Horatio.“
Um doch etwas zu sprechen, meinte ich:
„Wie mir scheint, mein Bester, wird es wohl weniger auf die Gelehrtheit als auf das Kapital ankommen, um hier von neuem Ordnung zu stiften, die Eulen, Fledermäuse und sonstigen Nachtgespenster zu verjagen und gebildet menschlich Behagen wieder möglich zu machen.“
„Für deutsche Verhältnisse bin ich ein reicher Mann,“ sagte der Freund kläglich. „Meine Meinung aber ist, daß Maurer, Zimmerleute, Maler und Tapezierer es nicht in diesem Falle tun werden. In der Hinsicht weiß ich freilich schon selber, was ich zu tun habe, und brauche deinen Rat nicht, um den Bann und Zauber vermittelst eines vernünftigen Kostenüberschlags und mit Hammer, Säge und Mauerkelle zurechtzurücken. Wir hatten aber voreinst unsere Nester in das grüne Gezweig und den Sonnenschein gehängt, und du hast, als wir gestern nach Hause kamen, gesehen, wie die Racker ihren nichtswürdigen Kommunalweg über die Stätte hingelegt haben; — Fritz, Fritz, wir sind eben als alte Leute nach Hause gekommen, und die Landstraße geht auch über Schloß Werden weg. Fritz, ich richte es nicht wieder auf für uns und — Irene Everstein. Ich kann nur etwas anderes an die Stelle setzen, und sie wird höchstens kommen und sagen: „Ich danke, es war wohlgemeint, aber das Rechte ist es leider nicht!“ — Und wenn sie wirklich sagt ‚leider‘, so muß ich das Wort schon für etwas nehmen, worauf ich kaum einen Anspruch habe. Nun, der Glücklichste hat am Ende nichts weiter als die Illusionen, die er sich bei seiner Arbeit und auf dem Wege macht. Sieh dich um, Langreuter! Du bist aus Bequemlichkeit zu Hause nicht mein Schwager geworden, und ich war ein Tor, als ich mir einbildete, durch Hartnäckigkeit, grimmiges Zugreifen und Maulhalten in der Fremde meinen Willen durchzusetzen. Faix — och arrah, in die Kölnische Zeitung werde ich demnächst Schloß Werden setzen, und es wird sich hoffentlich ja wohl wieder ein Liebhaber dazu finden. An der gehörigen Reklame soll’s nicht fehlen.“
Ich sah mich um. Es war nicht nötig, daß der Freund mich noch dazu einlud; wir hatten die große Halle durchschritten und standen in dem Gartensaale, in welchem mein Vater gestorben war, und ich so kindlich-betroffen, verwirrt-verwundert, so müde, durstig und betäubt von der langen Fahrt durch den heißen Sommermorgen meine Mutter sich über die Leiche hinwerfen sah. Mit voller Deutlichkeit stand alles, wie es damals war, von neuem vor meiner Seele; aber es war kühl, kellerartig kühl in dem lange verschlossen gewesenen Raume, und die Bilder der Vergangenheit konnten mir das Frösteln nicht verjagen. Das Sonnenlicht fiel nur durch die Spalten der Läden in den Saal; Haufen Gerümpel aller Art füllten die Winkel. Die Tür, die in den Park führte, war gleichfalls mit Brettern vernagelt; ich aber hatte selbst den Vogel Pfau nicht vergessen, der damals so vornehm auf die Schwelle trat und mir seine Schönheit zeigte. Es war der Herr Graf, der meine heiße Hand mit seiner kalten ergriff und mich näher an das Sterbelager meines Vaters heranführte. Er berührte leise die Schulter meiner Mutter, sie aber zuckte nur zusammen, aber richtete sich nicht empor, sah sich nicht um. Der Spuk, der den Stadtrat Bösenberg beim Antritt seiner Erbschaft in dem Hause seines Onkels in Finkenrode bewillkommnete, war nur — anerkennenswert literarisch verwendet und nichts weiter!…
„Meine Tochter, Komtesse Irene!“ … Die Stimme kam herüber wie aus einem fernen Jahrhundert, und dann fühlte ich eine andere Hand in der meinigen, doch diesmal eine Kinderhand. Auf der sonnigen Gartenschwelle stand Irene Everstein — es flimmerte mir vor den Augen wie von einem hellen Mädchenkleide und einer Fülle blonder Locken. Der Wundervogel stieß einen gellenden, krächzenden Schrei aus und schlug sein Rad herrlicher. Sie aber verscheuchte ihn mit einer Handbewegung und stand plötzlich neben mir; — wir waren zum ersten Mal zusammen unter den vielen Erwachsenen um uns her.