Vielleicht hatte der Freund doch nicht so ganz Unrecht mit seinem seltsamen Zitat: ich war gelehrt und ich konnte vielleicht auch sprechen mit dem Schloß Werden! Jedenfalls verstand ich recht wohl, was es selber von sich erzählte. Wir hatten lange genug dazu auf einem vertrauten Fuße gelebt, und Gründe, uns gegenseitig die Wahrheit vorzuenthalten, waren auch nicht vorhanden; und gelassener als der Freund, der irländische Ingenieur, konnte ich von Rechts wegen die Gestalten und Bilder der Vergangenheit an den Wänden hinhuschen sehen. Ich hatte mir in der Fremde nicht vorgenommen, diese ruinierten Wände mit neuen Tapeten zu bekleben und neue Bilder daran aufzuhängen. Er, der Freund, der so weit von Hause und so lange Jahre hindurch still und hartnäckig seinen Schweiß und sein Herzblut darangesetzt hatte, den Bann, der auf dieser Stätte lag, zu lösen, hatte jetzt freilich große Angst und viel Unruhe, und zwar mit vollem Rechte: ich saß nur in melancholischem Nachdenken auf der Stelle nieder, wo wir vordem unsere jugendliche Spiele getrieben hatten, und sah die Schatten an den Wänden bald heiter, bald traurig vorbeigleiten.
Kopfschüttelnd sagte Ewald:
„Es ist ein gar nicht angenehmes Gefühl, und einen rechten Ausdruck weiß ich eigentlich nicht dafür. Ich komme mir mit einem Male alt — alt — merkwürdig alt vor. Ich habe keine Zeit gehabt, darüber nachzudenken, wie die Jahre hingehen; aber in diesem Augenblicke ist es mir zum ersten Male klar, daß sie hingegangen sind und uns mitgenommen haben. O, den ganzen Kauf für einen Spiegel in Schloß Werden!… Es ist unbehaglich kalt hier nach dem Gange durch die heiße Sonne. Was meinst du, Fritz; sollen wir weiter steigen, da wir einmal drin sind, und die Spinnen, Fledermäuse und Ratten in Erstaunen setzen? Grau, grau! Och honey, es ist manch ein schwarzer Schatten in meinem Leben auf mich gefallen, aber dieser hier, den Schloß Werden wirft, ist grau und macht grau. Weißt du noch — der große Spiegel im Zimmer der seligen Gräfin — es ist doch ein wahrer Segen, daß wir den nicht mehr an seinem Platze finden werden! Das könnte freilich dem Gespenstertum die Krone aufsetzen. Und wie glücklich waren die beiden Mädchen vor ihm! Und wie glücklich waren wir, wenn wir sie dabei in ihrem Spaß an sich stören konnten. Und dann — Mademoiselle Martin, und — deine Mutter! Fritz, sollen wir umkehren? Wenn wir weiter gehen, müssen wir durch alle Räume, und es sieht überall aus wie hier! Du gehst unbedingt voran, du hast studiert, und ich fasse deinen Rockschoß. Das hätte mir aber vor acht Tagen noch jemand sagen sollen, daß ich je einen anderen auf einem Wege mir voranschieben würde! O Fritz, hinter einer Tür sitzt sie noch in ihrer ganzen jungen Lieblichkeit, und — ich — ich störe die Fledermäuse und die Spinnen um sie auf. Verdammt! so komm endlich! hier haben wir doch wohl jetzt den Moder und Wurmfraß lange genug angegafft! So grimmig feige und schwachmütig habe ich mich noch nie gefühlt. Wahrhaftig, die Schlacht, die durch pure Heldenhaftigkeit gewonnen ist, sollt ihr Historiker noch ausfindig machen.“
„Aber es ist doch manche Schlacht gewonnen worden!“ meinte ich, und dann — durchwanderten wir Haus Werden, und ich hatte studiert und war ungemein gelehrt geworden im Laufe der Jahre; daß ich aber das Leblose sprechen hörte, das hatte doch seine anderen Gründe. Die lagen tiefer als die Bücher; und die allergrößesten und bekanntesten Geschichtsschreiber haben dahin zurückfühlen und -tasten müssen, um sich selber und den Leuten erträglich wahr vorzukommen.
„Ich bin vorhin nur bis hierher in den Gartensaal gekommen,“ sagte Ewald. „Wie ein Kind hatte ich nicht die geringste Lust, mich in die Öde und Dunkelheit allein weiter hineinzuwagen. Nun vorwärts zu Zweien, ich habe die Schlüssel zu jeder Tür, und hier — sind wir in — den Gemächern des alten Herrn! Puh, was für eine Luft!“
Wir standen in dem Zimmer des Grafen und warfen einen Blick in sein Schlafgemach. Das waren voreinst ziemlich unnahbare, unbetretbare Räume für uns gewesen, aber wir hatten doch als Knaben dann und wann hineingeguckt; heute guckte mir der jetzige Herr des Schlosses scheu über die Schulter, und wir fühlten uns beide nicht sicherer in unserem Fürwitz als vor Jahren.
„Wir hätten jedenfalls besser getan, zuerst in den oberen Stock hinaufzusteigen, Ewald. Dort haben wir wenigstens die Sonne der Gegenwart für uns und nicht diese unheimlichen Laden vor den Fenstern!“ flüsterte ich.
„Nicht wahr, es spukt? es geht um?“
„Ja, es geht um! Die Witwe Warneke hatte recht.“
Die kahlen Räume, die Dämmerung, der Staub und der Schimmel sprachen zu deutlich, als daß ein tröstlicheres Wort mir möglich gewesen wäre. Es war kein Wunder, wenn die Leute aus dem Dorfe dann und wann den letzten Grafen Everstein im Zwielicht oder in der Mitternacht um sein verlorenes, verwildertes Schloß wandern sahen. Daß seine Tochter auf dem Steinhofe bei dem Vetter Just eine Unterkunft in ihrer Not gefunden hatte, machte den Spuk nur noch glaubwürdiger; aber — es war in der Tat so: das war auch mir in diesem Augenblicke das Gespenstischste, daß der lebendige starke, tapfere Freund diese Mauern wieder beleben, diese Räume wieder zu einem Sitz der Ruhe und des Glückes für das letzte Kind des Hauses zu machen sich vorgenommen hatte.